• vom 26.09.2017, 16:15 Uhr

Kultur

Update: 26.09.2017, 16:25 Uhr

Japan

Surfin’ Fukushima




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Von Felix Lill

  • Sechs Jahre nach Japans Atomkatastrophe ist die Region Fukushima ein Strahlungsgebiet. Dabei hat sich in Nachbarschaft der Kraftwerksruine längst eine Surfergemeinde etabliert. Lokalpatriotismus oder Wahnsinn? Besuch vor Ort.

"Fukushima" heißt übersetzt so viel wie "Insel des Glücks".

"Fukushima" heißt übersetzt so viel wie "Insel des Glücks".© Javier Sauras "Fukushima" heißt übersetzt so viel wie "Insel des Glücks".© Javier Sauras

"Meine Freunde sagen, ich bin verrückt, dass ich immer wieder hierherkomme." Clinton Taylor blickt konzentriert er nach vorne, durch die Windschutzscheibe, hinter der auf der linken Seite ein verrostetes Schiffswrack liegt und schräg vor ihm ein Kran über eine Baustelle schwenkt. Im Autoradio spielt ein alter Hit der Rolling Stones, "Sympathy for the devil."

Taylor, der aus der Surfnation Neuseeland kommt und schon länger in der Nähe von Tokio wohnt, wischt sich über seinen kahlrasierten Kopf und muss grinsen. "Heute soll’s gute Wellen geben. Und die Stones haben immer recht." Will wohl heißen: Mir doch egal, was die anderen denken. Ab in die Hölle? "Hier sieht’s gut aus", flüstert der 44-Jährige zehn Minuten später und stellt den Motor seines Kombis ab. Ein kleiner Sandstrich in der Gemeinde Hirono, vorne rechts ein Fossilkraftwerk, hinten links ein Geigerzähler, der die Strahlenmessung anzeigt. Dazwischen die Wellen, für die Taylor jetzt sein Board mit Wachs beschmiert. Auf dem Wasser gleiten schon ein paar Surfer im Neoprenanzug, auf den Treppenstufen davor, die unten im Sand verschwinden, pausieren weitere. Gut zehn Leute sind es an diesem Morgen. "Fukushima ist ein Paradies für Surfer", sagt Taylor und blinzelt. Die Sonne strahlt. "Auch wenn man’s nicht glauben mag."


Dass es vor der Küste von Fukushima hohe Wellen geben kann, weiß die Welt seit sechs Jahren. Ein bis zu 30 Meter hoher Tsunami verschluckte am 11. März 2011 ganze Landstriche, fast 20.000 Menschen starben, 150.000 haben ihr Zuhause verloren. In drei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi schmolzen die Kerne, wegen der ausgetretenen radioaktiven Strahlung wurde in den Wochen danach der Umkreis von 30 Kilometern evakuiert.

Traurige Berühmtheit
Seit dieser Katastrophe ist Fukushima berühmt. Nur leider, wie die Leute hier am Strand finden, aus den falschen Gründen. Clinton Taylor wusste früher selbst nicht, dass Fukushima auch dann hohe Wellen hat, wenn sich nicht gerade Plattentektonik für einen Tsunami sorgt. Als Surfer war er schon überall, auch in seiner Wahlheimat Japan kannte er sich gut aus. "Vor Fukushima hatte ich zuerst Angst. Ich hatte Bilder von Tschernobyl vor Augen." Dann nahm ihn ein Freund mit an die Küste. Als Taylor die hohen, sauberen, spät brechenden Wellen sah, war ihm klar: Er musste wiederkommen.

Bei so traumhaften Bedingungen sei sogar verkraftbar, dass es von diesen Stränden nur ein paar Kilometer bis zum havarierten Atomkraftwerk sind. An klaren Tagen kann man die Strahlenruine am Horizont sehen. Das Gute im Vergleich zu den besten Spots in Surfdestinationen wie Portugal oder Bali sei, sagt Taylor mit dem Brett unterm Arm auf dem Weg ins Wasser: "Hier ist es Weltklasse und trotzdem menschenleer." Viele japanische Surfer haben Fukushima den Rücken gekehrt. Ganz verwunderlich ist es nicht, der Ruf eilt der Region voraus.

Der Kraftwerksbetreiber Tepco hat mit seinen wiederholten Verharmlosungen der Lage das Vertrauen der Menschen verspielt. Was die meisten Surfer endgültig verschreckt hat: Täglich leitet der Konzern 300 Tonnen kontaminierte Flüssigkeit, die zum Kühlen der geschmolzenen Reaktoren verwendet werden, ins Meer. Und hier, wo andere nicht mal die Luft atmen wollen, soll man Wellen reiten, paddeln, Wasser schlucken? Beim ersten Hinhören klingt es verrückt. Warum tut man sich das an?

Schwer atmend trägt ein junger Mann sein Brett zurück an die Stufen. Er stellt sich als Kentaro Yoshida vor, hier in Hirono arbeitet er als Manager eines Hotels, das derzeit vor allem Arbeiter der Kraftwerksruine beherbergt. Wann immer sein Job eine Pause erlaubt, sagt er, fahre er zum Strand. Ob er das für gefährlich hält? "Darüber kann ich nichts sagen. Ich bin hier aufgewachsen", erklärt Yoshida. "Das Meer war immer mein Freund. Ich will ihm treu bleiben."

Kazuaki Sugimoto, auch ein Wellenreiter, ist Elektroinstallateur und zog aus dem Süden her, um im Kraftwerk zu helfen. "Wenn meine Freunde daheim hören, dass ich hier nicht nur arbeite, sondern auch surfen gehe, sorgen sie sich um meine Gesundheit." Warum dann tut er das dann? "Nach Feierabend treffen wir uns alle am Strand", meint Sugimoto, "hier in Hirono gibt es ja sonst nicht viel zu unternehmen." Da hat der Zugezogene recht.

Frauen- und Kindermangel
Hirono liegt 20 Kilometer südlich vom Kraftwerk Fukushima Daiichi. Bis auf den Wind und die Wellen ist es still hier. Nachdem die damalige 5500-Einwohnerstadt evakuiert werden sollte, wollten auf die Lockerung der Regelungen im September 2012 hin nicht mehr viele zurückkommen. Mittlerweile herrscht Frauen- und Kindermangel, ein Großteil der Bewohner sind Kraftwerksarbeiter. Besuch von außen kommt kaum.

250 Kilometer weiter südlich, in Inage, einem Vorort von Tokio, schreibt Makoto Akashi Kommazahlen an das Whiteboard in seinem Büro. Untereinander stehen jetzt die Werte 0,05, 0,1 und 0,15. Daneben schreibt er die Namen dreier Städte: Tokio, London, Hirono. "Die Strahlungswerte unterscheiden sich eigentlich nicht besonders", sagt der Mann mit schütterem Haar und schmaler Brille. Makoto ist leitender Wissenschafter am Institut für Strahlenforschung, als Experte berät er auch die Vereinten Nationen in Wien und die japanische Regierung. Zu den Fortschritten bei den Dekontaminierungsarbeiten im Katastrophengebiet sagt er: "Wir sind jetzt bei 40 oder 45 Prozent. Bis zur völligen Erholung der Region braucht es etwa drei Jahrzehnte." Und: "Wir begleiten die Entwicklung von sieben Arbeitern, die im Kraftwerk beschäftigt sind. Wir schätzen, dass einige von ihnen bald einen Krebs entwickeln könnten."

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Schlagwörter

Japan, Surfer, Reportage, Fukushima

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-26 16:21:08
Letzte ─nderung am 2017-09-26 16:25:39



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