• vom 27.09.2017, 20:43 Uhr

Kultur

Update: 27.09.2017, 21:42 Uhr

Internationale Übersetzertag

Als die Nashörner fliegen lernten




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Von Edwin Baumgartner

  • Übersetzungen fragen immer nach dem adäquaten Umgang mit der Sprache - am 30. September ist Übersetzertag.

: Irma Tulek

: Irma Tulek : Irma Tulek

Wie war das doch gleich in der UNO-Debatte über Flurschädlinge in Afrika? Da übersetzte ein Dolmetsch (welcher, wird unterschiedlich berichtet), Nashörner würden in dichten Schwärmen herbeifliegen und die Felder kahl fressen. Je nun, was ist denn wirklich schon für ein Unterschied zwischen den bekannt agilen Dickhäutern und dem Nashornkäfer?

Eine Silbe - was heißt: eine Silbe?, ein Buchstabe kann Sinn und Unsinn einer Übersetzung ausmachen. Und überhaupt: Besser so wörtlich wie möglich übersetzen oder die Atmosphäre eines Textes einfangen? Der Internationale Übersetzertag am kommenden Samstag, dem 30. September, lädt ein, vielleicht die eigenen Koordinaten in der Sache zu überdenken. Denn ein großer Teil der heute konsumierten Literatur, egal, ob Belletristik oder Fachbuch oder auch Theatertext, ist im besseren Fall eine Übersetzung aus einer anderen Sprache. Im schlechteren Fall gerät die Übersetzung zur Übelsetzung.


Manchmal freilich wird eine Fehlübersetzung gar sprichwörtlich, so wie im Buch der Bücher die Sache mit dem Kamel, das durchs Nadelöhr geht: Das Neue Testament der Bibel ist in der damaligen Lingua franca geschrieben, also Altgriechisch. In dieser Sprache heißt "kámelos" Kamel, "kámilos" bezeichnet hingegen ein dickes Tau. Ein Kopierfehler? Ein Übersetzungsfehler, als man die ursprünglich wohl aramäischen Jesus-Worte ins Griechische übertrug? Die armenische Bibel übersetzt die Stelle mit "Schiffstau". Oder spielte Jesus doch auf das zu dieser Zeit schon als Lasttier verwendete Dromedar an und verwendete ganz bewusst einen grotesken Vergleich? Überlegen wir einmal, ob der Satz ohne dieses seltsame Bild auch so stark im Gedächtnis bliebe.

Wort oder Sinn?
Die andere biblische Problemstelle ist altbekannt: Wie soll man am Beginn des Johannes-Evangeliums "lógos" übersetzen? "Logos" kann Wort heißen, aber auch Sinn. So ist etwa Viktor Frankls Logotherapie keine Worttherapie, sondern eine Therapie auf der Basis der Sinnfindung. "Wort" hat sich bei den Übersetzern des Johannes-Textes eingebürgert. Was aber, wenn man übersetzte: "Am Anfang war der Sinn"? Oder ist doch Wort besser, nämlich als Verweis auf das erste Buch Moses, in dem Gott die Welt aus dem Wort heraus schafft? Dass es einem die alten Griechen mit den Doppelbedeutungen ihrer Wörter auch gar so schwer machen müssen!

Da hat man es schon leichter mit einer neuen Sprache, wie zum Beispiel Englisch. Sollte man meinen. Doch die geläufige Redewendung "It’s raining cats and dogs" genügt, um zu zeigen, dass dem ganz anders ist. Schließlich regnet es nicht Katzen und Hunde, sondern es regnet in Strömen.

Überhaupt hat dieses verflixte Englisch eine echt widerliche Eigenschaft, nämlich eine gewaltige Zahl von ein- und zweisilbigen Wörtern, während die deutsche Sprache mit ihrer Begeisterung für zusammengesetzte Wörter zu mindestens zwei- und dreisilbigen Ausdrücken neigt. Was bedeutet, dass das Englische in weniger Silben mehr Information unterbringt.

Bei der Übersetzung eines Fachtextes ist das weitgehend gleichgültig, solange die korrekten Wörter verwendet werden (und nicht Nashörner anstelle
von Nashornkäfern durch die Luft fliegen).

Schwieriger wird es bei Prosa mit dichterischem Anspruch: "It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife", schreibt Jane Austen als ersten Satz von "Pride and Prejudice". "Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe", übersetzt Ilse Krämer. Abgesehen von dem veralteten "Weibe", das, immerhin im Jahr 1976, ein Lektor anmerken sollte: 24 Wörter im Englischen, aufgeblähte 28 im Deutschen. Und hat der englische Satz nicht einen Rhythmus? Da schimmert doch nach dem ersten Beistrich etwas Jambisches durch, Synkopen inklusive, und nach dem zweiten ein Hauch von Daktylus.

Das Problem der Verse
Überhaupt: Das Englische und der Vers, das ist so eine Sache. Zum Beispiel der Blankvers, also die fünfhebigen Jamben, bei William Shakespeare - dass der deutsche Übersetzer einen ebenso unpathetischen Vers bauen kann wie der Dichter im Original, beweisen zumindest Erich Fried und noch mehr Frank Günther. Und schon landen wir bei der Hauptfrage, beim Kern der Übersetzungsphilosophie: Unter Wahrung des Versmaßes so wörtlich wie möglich übersetzen, wie Fried es machte, wobei freilich der große Poet Fried den Texten alles Poetische gründlich austrieb, oder Atmosphäre und Gemeintes wiedergeben? Da sehnt sich Ophelia nach Liebe, und Hamlet rät ihr: "To a nunnery, go." Die üblichen Übersetzungen sind Variationen von: "Geh in ein Kloster, Ophelia." Bloß, dass "nunnery" im Englischen der Shakespeare-Zeit auch "Bordell" bedeutete. Zoten mit Zoten übersetzen - Frank Günther macht es. Dass er mehr Zoten sieht, als Shakespeare meinte, könnte sein. Linguisten treibt sein saloppes Deutsch, das an Comics geschult ist, den Teufel in die Haare - Pardon, da ist eine italienische Redewendung dazwischen gerutscht, also: Linguisten werden bei Frank Günthers Übersetzungen fuchsteufelswild. Andererseits hat Günther die ganze Bandbreite von platter Pöbelei bis purer Poesie, die er in Shakespeares Texten erkennt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-27 15:48:05
Letzte nderung am 2017-09-27 21:42:04



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