• vom 12.10.2017, 16:45 Uhr

Kultur


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Die Ironie, eine Wienerin




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Von Klaus Stimeder

  • Autorin Marjorie Perloff, Legende der US-Literaturkritik, schreibt über den Beitrag ihrer Heimatstadt zur westlichen Moderne.

Wien in den 1930er Jahren prägte Marjorie Perloff, damals Gabriele Mintz, die diese Erinnerungen auch in ihren Memoiren "The Vienna Paradox" niederschrieb. - © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk

Wien in den 1930er Jahren prägte Marjorie Perloff, damals Gabriele Mintz, die diese Erinnerungen auch in ihren Memoiren "The Vienna Paradox" niederschrieb. © Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk

Perloff will in den USA auf österreichische Literatur aufmerksam machen.

Perloff will in den USA auf österreichische Literatur aufmerksam machen.© Uni Innsbruck/pixabay Perloff will in den USA auf österreichische Literatur aufmerksam machen.© Uni Innsbruck/pixabay

Los Angeles."Wer immer der neue Bürgermeister wird: Richten Sie ihm aus, dass er dafür sorgen soll, dass die Leute nie vergessen, was in den 30er und 40er Jahren in Wien passiert ist!" Klare Ansage, das Publikum, der Großteil besteht aus Menschen zwischen 60 und 80, nickt und klatscht.

Bis nach West Hollywood hat es sich mittlerweile durchgesprochen, dass Michael Häupl bald seinen Platz räumen wird; aber wer im Kampf um seine Nachfolge das Rennen macht, sei nicht die Hauptsache, sondern der Umgang des Neuen mit der Vergangenheit. Da sind sich alle einig mit der Frau am Podium, die jüngst zur Präsentation ihres neuen Werks in die "Book Soup" am Sunset Strip lud. "Edge of Irony: Modernism in the Shadow of Habsburg" (University of Chicago Press, 204 Seiten, 30 Dollar), so heißt das neue Werk von Marjorie Perloff, 86 Jahre jung und noch immer eine der bedeutendsten Literaturkritikerinnen Amerikas. Geschrieben habe sie es, sagt sie, weil sie sich immer darob gewundert habe, dass manche österreichische Autoren, deren Karriere um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihren Ausgang nahm, in den USA noch immer nicht jene Stellung einnehmen, die sie ihrer Meinung nach verdienen. Weil: In der amerikanischen Rezeption setzten bis heute der französische und der angelsächsische Modernismus den Maßstab (Schriftsteller wie Marcel Proust, Virginia Woolf, Ezra Pound, um nur die prominentesten zu nennen), "und was die akademische Auseinandersetzung mit modernen Autoren aus deutschsprachigen Landen angeht, überlagert Weimar alles", meint Perloff. "Walter Benjamin, Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht kennt auch in den USA jeder, aber dabei übersehen werden die wichtigen Beiträge der Zentraleuropäer." Namentlich der in der Donaumonarchie buchstäblich wie sprichwörtlich groß gewordenen Autoren, deren Leben und Arbeit sie sich in ihrem Buch widmet: Paul Celan, Joseph Roth, Elias Canetti, Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein und Robert Musil.


Austro-Modernismus
An der Tatsache, dass mit Ausnahme von Wittgenstein keiner davon aus Wien stammt, stößt sich die Autorin ausdrücklich nicht; ebenso wenig daran, dass ihre Schriften vordergründig nicht viel gemeinsam haben. Um was es ihr geht, sei die "all diesen Leuten gemeine, besondere Sensibilität, allem voran ihrem Sinn fürs Absurde." Perloff ortet darin nicht weniger als einen "ganz spezifischen Austro-Modernismus", dessen Repräsentanten nicht nur im historischen Kontext eine Sonderstellung zukomme - sie gingen in einer k.u.k.-Vielvölkernation ins Bett und wachten in einem Rumpfstaat auf -, sondern die auch inhaltlich einen Strang entwickelten, der sich von ihren Kollegen anderswo unterschied: Einen, den Perloff einen "gegenüber allem Staatlichen skeptisch gegenüberstehenden, anti-ideologischen" nennt, dessen kennzeichnendes Merkmal eben die ihren Werken einwohnende Ironie sei.

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Dokument erstellt am 2017-10-12 16:51:09



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