• vom 03.11.2017, 07:00 Uhr

Kultur

Update: 03.11.2017, 07:37 Uhr

Soziologie

Ausgelagerte Nebenwirkungen




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (42)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Wir leben auf Kosten anderer, sagt der deutsche Soziologe Stephan Lessenich. Unsere Weltordnung hat für ihn sozial versagt.

Der wohlhabende Westen lagert Armut und Ungerechtigkeit aus, analysiert Stephan Lessenich. Etwa an chinesische Arbeiterinnen. - © reuters/Stringer

Der wohlhabende Westen lagert Armut und Ungerechtigkeit aus, analysiert Stephan Lessenich. Etwa an chinesische Arbeiterinnen. © reuters/Stringer



Unser Wohlstand entsteht auf Kosten anderer, raubt ihnen die Lebensgrundlage. Das wird sich ändern, sagt der in München lehrende Soziologe Stephan Lessenich, ob wir das wollen oder nicht. Ein Gespräch am Rande des Philosophicum Lech über die Brutalität von Konsum, die Externalisierungsgesellschaft und Ausstiegsszenarien aus der Ausbeutungsspirale.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch "Neben uns die Sintflut" schreiben Sie, dass wir nicht über unsere Verhältnisse leben, sondern über die anderer. Wer sind diese anderen?

Stephan Lessenich: So pauschal meint "wir" die Bevölkerung der westlichen Industriegesellschaften. Die anderen sind diejenigen, die nicht diesen Pfad eingeschlagen haben - weil die westlichen Strategien diese Entwicklung ge- und behindert haben. Das ist bis heute so. Unsere Lebensverhältnisse, mit vielen Chancen für einen Großteil der Bevölkerung, stützen sich auf kaum lebbare Bedingungen von Bevölkerungsmehrheit anderswo auf dem Globus.

Sie verwenden dafür den Begriff Externalisierungsgesellschaft - ist sie die direkte Folge der Kolonialzeit?

Die Wurzeln liegen sicher in der Kolonialzeit, ihre Folgen sind bis heute massiv - nicht nur in Form von Weltmarkt- und Importabhängigkeiten durch Monokulturen, die von Kolonialherren angeregt wurden. Was ich mit Externalisierung meine, ist die Auslagerung der negativen Effekte unserer Lebensweise. Schlechte Arbeitsbedingungen, Umweltschäden, Zerstörung von sozialen Netzen durch Rodung oder Enteignung. Diese Konsequenzen unseres Konsums finden anderswo statt. Viele der Nebenwirkungen werden ausgelagert.

Sie prognostizieren das Ende dieser Externalisierung und sagen, dass wir künftig zur Kasse gebeten werden. In welcher Währung?

Wir würden uns natürlich wünschen, dass es nur in Euro wäre. Selbst das fällt uns schwer genug. Wenn man Kosten auslagert, wäre ein Gegenmechanismus, sie zu internalisieren. Etwa die Kosten, die ein Stück Kleidung anderswo produziert - inklusive Umweltschäden und sozialer Absicherung - in den Verkaufspreis hinein zu nehmen. Das könnte man fiktiv berechnen oder vor Ort investieren - in bessere Arbeitsbedingungen oder Umweltschutz. All das kostet Unmengen, die derzeit niemand bereit ist zu investieren.

Theoretisch könnte man ja auch wieder in Europa produzieren?

Das könnte man. Güter würden dann sehr viel teurer werden und hätten den Preis, den sie wirklich verursachen. Das würde zu weniger Konsum führen, an sich begrüßenswert. Es wäre zumindest Teil einer Lösung. Doch in den Ländern, in denen jetzt produziert wird, würde es zur Katastrophe führen. Da müsste man gleichzeitig lokale Ökonomien unterstützen, Industrialisierung und Infrastruktur fördern, damit Menschen auf andere Weise ihre Existenz absichern könnten. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern bedürfte einer langsamen Politik der Überführung, für die sowohl die großen Handelsunternehmen als letztlich auch Konsumenten aufkommen müssten.

Vielen Europäern sind diese Missstände bewusst. Warum ändern wir unser Konsumverhalten nicht und verzichten auf das zehnte T-Shirt?

90 Prozent der Haushalte hätten diesen Spielraum. Es ist eine Mischung aus Gewohnheit und Bequemlichkeit. Es ist billig, die Probleme sind weit weg und wir müssen uns niemandem gegenüber rechtfertigen. Es geht aber nicht nur um individuelle Konsumenten. Es geht auch um die Produzenten, die die Konsumbedürfnisse kreieren. Wir brauchen eine Kritik dieser Bedürfnisse. Aber die darf nicht nur an das Individuum gestellt werden, die muss an die Gesellschaft gerichtet sein. Welche Bedürfnisse sind uns wichtig? Und nehmen wir den Preis, den andere dafür zahlen, als Gesellschaft in Kauf?

Sie sprechen damit eine politische Verantwortung an?

Die Konsumverweigerung des Einzelnen wird das Problem nicht lösen. Wir müssen uns die Produktionsseite anschauen - was wird wie hergestellt? Viele Produkte schaffen sich erst ihre Märkte. Wir sollten uns überlegen, was wir überhaupt für wert befinden, produziert zu werden. Das sind politische Entscheidungen, die sich aber nicht einfach an die Politik delegieren lassen. Damit sich die Politik damit beschäftigt, muss das Thema in der Gesellschaft politisiert worden sein. Der Impuls muss von der Bevölkerung kommen.

Braucht es eine neue Flüchtlingskrise für ein Umdenken Europas?

Ich bin kein Verelendungstheoretiker, der sagt, es muss noch viel schlimmer kommen, damit wir die Augen aufmachen und handeln. Noch gibt es keine Mehrheiten, die sich darüber Gedanken machen. Doch die Flüchtlingskrise hat gezeigt, dass es zwei Geschichten zu erzählen gibt: Steine werfen und Unterkünfte in Brand setzen, aber auch: einfach helfen - sei es aus Nächstenliebe oder Selbstverständnis. Letzteres könnte auch die Leitgeschichte der vergangenen Jahre sein. Ist es aber nicht geworden.

Was ist im Diskurs schiefgelaufen?

Die Politik hat jahrzehntelang daran festgehalten, Deutschland sei kein Einwanderungsland, jahrzehntelang Fake News. Uns wurde signalisiert, wir sind eine homogene Gesellschaft. Das wurde als Illusion hochgehalten. 2015 waren dann viele mit einem Schlag mit dem Fremden konfrontiert.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-02 16:20:09
Letzte ńnderung am 2017-11-03 07:37:41



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. David Cassidy gestorben
  2. Kinobranche hofft auf Streaming
  3. Trauer um einen Parade-Onegin: Hvorostovsky ist tot
  4. Eine Stadt entsteht
  5. Hartnäckige Fake News
Meistkommentiert
  1. Ungeknickt durch den Sturm
  2. Deutscher Karikaturenpreis für Erdogan-Zeichnung
  3. Verhandler könnten ORF-Gebühr kappen
  4. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
  5. "Künstler haben immer recht"

Werbung




Werbung



Werbung