• vom 28.11.2017, 06:30 Uhr

Kultur


Zukunft Single

Die Zukunft gehört den Singles




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (31)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Felix Lill

  • In Japan hat ein sozialer Umbruch das Singleleben zur Normalität gemacht. Andere Länder können daraus lernen.



Ein männlicher "Host" mit seiner weiblichen Kundin in einem der 260 Host Clubs in Tokio: Dort kann man sich Zärtlichkeiten kaufen.

Ein männlicher "Host" mit seiner weiblichen Kundin in einem der 260 Host Clubs in Tokio: Dort kann man sich Zärtlichkeiten kaufen.© afp Ein männlicher "Host" mit seiner weiblichen Kundin in einem der 260 Host Clubs in Tokio: Dort kann man sich Zärtlichkeiten kaufen.© afp

Fünf Jahre waren wir ein Paar gewesen, mit all den großen Plänen und Träumen, die Verliebte so aushecken. Vielleicht eine Hochzeit, vielleicht Kinder, bestimmt viel Glück. Aber dann, kurz nach unserem Umzug nach Tokio, war es aus. Schon länger lag diese Trennung in der Luft, doch nur als Schreckensbild, das uns den Himmel, den wir uns als Zukunft malten, umso begehrenswerter machte. Entsprechend hart fühlte sich der Aufprall auf dem Boden der Realität an. Da schien es erst kein Trost zu wissen, dass ich nun zu diesen einsamen Hunden gehörte, die durch die Stadt streunen und vielleicht gar nicht wissen, wonach sie suchen.

Weltweit berichten Zeitungen, Magazine und TV-Dokus seit Jahren von diesem Trend, der sich da am anderen Ende der Welt abspielt, fast immer im selben Ton: Tokio, die Stadt der Singles. In der größten Stadt des Planeten, mit einer Bevölkerung so zahlreich wie die von ganz Kanada, seien Menschen zunehmend "einsam in der Masse" ("Wall Street Journal"). "Die Japaner" seien draufgekommen, "Beziehungen seien ihnen zu umständlich" ("Süddeutsche Zeitung"). Das ganze Land erlebe gerade "eine neue Eiszeit" ("Die Zeit"). Man denkt schnell: Bei allen Problemen, die wir fern von Japan auch daheim haben, ist bei uns doch noch vieles in Ordnung.

Felix Lill, 1985 in Hamburg geboren, lebt seit 2012 als freier Journalist in Tokio und Berlin. Lill wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Buch "Einsame Klasse. Die Zukunft gehört den Singles" erscheint am 2.Dezember in der edition-a.

Felix Lill, 1985 in Hamburg geboren, lebt seit 2012 als freier Journalist in Tokio und Berlin. Lill wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Buch "Einsame Klasse. Die Zukunft gehört den Singles" erscheint am 2.Dezember in der edition-a. Felix Lill, 1985 in Hamburg geboren, lebt seit 2012 als freier Journalist in Tokio und Berlin. Lill wurde mehrfach ausgezeichnet. Sein Buch "Einsame Klasse. Die Zukunft gehört den Singles" erscheint am 2.Dezember in der edition-a.

Immer mehr Unverheiratete

In der Tat kommen aus Japan beeindruckende Zahlen. Sie dokumentieren eine Abkehr von der Liebe, wie man sie bisher zu kennen glaubte. Das Nationale Institut für Bevölkerungsforschung hat erhoben, dass unter den unverheirateten Frauen zwischen 18 und 34 nur noch 30 Prozent einen Partner haben, der Anteil bei den gleichaltrigen Männern ist schon auf 21 Prozent gesunken. Nach Umfragen des Kondomherstellers Sagami nimmt der Anteil der Unverheirateten insgesamt zu: ein Drittel der Männer in ihren Dreißigern und ein Viertel der Frauen. Unter 30 Jahren sind es sogar fast 80 und über 50 Prozent. Zudem ist die Scheidungsrate gestiegen. Alles in allem dürfte bis 2035 die Hälfte der Menschen alleinstehend sein. Und vor allem: Nach einem lang anhaltenden Trend will mittlerweile die Mehrheit der Alleinstehenden auch gar keinen Partner. Die nichtsuchenden Singles haben in Japan überhandgenommen.

Japan ist weit weg, könnte man sagen, daher höchstens exotisch und kurios, aber doch nicht relevant für das, was in Österreich passiert. Aber nach fünf Jahren Recherche und einem fast ebenso langen Leben als Single in Tokio fallen mir viele Parallelen auf. Hierzulande sind ebenso die Scheidungsrate und das durchschnittliche Heiratsalter gestiegen, und leidenschaftlicher als über Politik oder Sport schüttet man sich heutzutage, zumindest in meinem Bekanntenkreis, nur über Liebe und Partnerschaft aus. Dass es mittlerweile allein in deutscher Sprache um die 2500 Datingportale geben soll, dass Datingcoaches und Paartherapeuten gutes Geld mit banalen Tipps einnehmen können, ist ein deutliches Indiz: Liebe ist den Menschen eines der wichtigsten Themen überhaupt.




weiterlesen auf Seite 2 von 3




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-27 16:50:07
Letzte nderung am 2017-11-27 22:29:56



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Nicht mit uns"
  2. Kein "Irrer mit der Bombe"
  3. "Das ist Wahnsinn"
  4. Problemzone Stammtisch
  5. 152 rasante Minuten mit Laserschwert
Meistkommentiert
  1. Die Kamera als Schutz
  2. "Ohne Polen kollabiert London"
  3. Sophie Rois ärgert sich über "Peniszulage"
  4. Beethoven-Skulptur in Wien enthüllt
  5. Zu kurzsichtig

Werbung




Werbung



Werbung