• vom 27.11.2017, 17:00 Uhr

Kultur

Update: 27.11.2017, 17:13 Uhr

Sachbuchkritik

Karajan und kein Ende




  • Artikel
  • Kommentare (30)
  • Lesenswert (57)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Edwin Baumgartner

  • Klaus Riehle versucht den Nachweis, dass der Dirigent während der NS-Zeit ein Täter war.

Verführter? Karrierist? Oder gar Täter? - An der Bewertung der Rolle Herbert von Karajans während der NS-Diktatur und seines Umgangs damit scheiden sich die Geister. - © dpa/Hellmann/Jae

Verführter? Karrierist? Oder gar Täter? - An der Bewertung der Rolle Herbert von Karajans während der NS-Diktatur und seines Umgangs damit scheiden sich die Geister. © dpa/Hellmann/Jae

"Ich möchte anhand unbekannter Originaldokumente aufzeigen, dass Herbert von Karajan und seine Ehefrau Anita keine Opfer, sondern Täter sind." Da steht der Satz, nicht an sehr exponierter Stelle, aber doch kaum zu überlesen, nämlich auf Seite 64 ganz oben. Klaus Riehle fährt dann auch knapp über 600 Seiten lang schweres Geschütz gegen den 1989 gestorbenen österreichischen Stardirigenten auf.

Seiner Ausbildung nach ist Riehle Islamwissenschafter. Auf den Fall Karajan stieß er durch persönliche Kontakte in Italien, wo der Dirigent sich seit 1934 wiederholt aufgehalten hatte und wohin er auch vor Ende des Zweiten Weltkriegs geflohen war. Dabei fielen Riehle Diskrepanzen auf zwischen der offiziellen Darstellung und den Aussagen von Menschen, mit denen Karajan zu tun gehabt hatte. So ging Riehle auf die Suche - die dauerte rund 20 Jahre. Das Ergebnis liegt nun vor.

Information

Sachbuch
Herbert von Karajan -
Neueste Forschungsergebnisse zu seiner NS-Vergangenheit und der Fall Ute Heuser
Klaus Riehle
Ibera, 624 Seiten, 29,90 Euro

Agent des Sicherheitsdienstes?

Worum geht es konkret? - Nun: Dass sich Karajan der NSDAP angedient hat, etwa durch zweimaligen Parteieintritt, war bekannt. Karajan hat selbst darüber gesprochen. Allerdings erschien das bisher als gegenseitige Benützung: Einerseits hatte der Nationalsozialismus ein Dirigentenwunder, von dem klar war, dass es international vorzeigbar sein würde, andererseits nützte Karajan die Partei als Karrierebeschleuniger.

Riehle häuft nun aber Dokument auf Dokument, dass an Karajans Verstrickung in den NS-Staat mehr dran gewesen sein könnte als karriereförderndes Mitläufertum. So bringt er ein Dokument der US-Army bei, durch das Karajan in seiner Aachener Zeit in die Nähe des Sicherheitsdienstes (SD) gerückt erscheint. Der SD war der von Reichsführer Heinrich Himmler geschaffene Geheimdienst der SS. Auch hat sich Karajan in seiner Aachener Zeit nicht, wie kolportiert, in den Chor-Konzerten auf geistliche Musik verlegt, sondern leitete etwa Richard Trunks "Feier der neuen Front" auf einen Text von Baldur von Schirach mit einer Widmung an Adolf Hitler. Im darauffolgenden Jahr führte Karajan "Kameradschaft" von Heinrich Lemacher auf und dirigierte Konzerte für die Hitler-Jugend. Allerdings bleibt die Frage offen, ob eine Weigerung Karajans nicht ein schnelles Karriereende bedeutet hätte - und das zu einem Zeitpunkt, zu dem ein Ende der NS-Herrschaft noch nicht abzusehen war.

Etwas anderes sind Karajans Tätigkeiten als Städtischer und Staatlicher Musikbeauftragter, wodurch er zur Musikpflege im NS-Sinn verpflichtet war - inklusive der sogenannten "Entjudung" der Orchester. Allerdings ist auch Riehle auf kein Dokument gestoßen, das eine diesbezügliche Schuld Karajans klar belegt.

Was Riehle indessen mit Dokumenten und Aussagen nachweist, sind die (expressis verbis) "Lügen" Karajans bei der Entnazifizierung, in die schließlich auch noch der Vaterschaftsprozess von Ute Heuser hineinspielt. Riehle entwirft ein Bild, in dem zuerst vor allem die USA daran interessiert gewesen sein dürften, Karajan aus der Verantwortung zu entlassen, weil er für den Aufbau des Nachkriegskulturlebens brauchbar war. Sollte er ein Agent gewesen sein? - Oder möglicherweise gar ein Doppelagent, der sich auch der DDR zur Verfügung stellte? Und was genau meint die Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf mit der kryptischen Anmerkung: "Aber ich will diesen Fall Karajan nicht berichtigen, weil er so schrecklich ist, dass ich es gar nicht veröffentlichen darf"?

Klaus Riehles Buch überflutet den Leser mit einer Unmenge an Aussagen und Dokumenten, vieles davon schlüssig, manches nur durch die Interpretation aussagekräftig. Abschnittsweise liest sich das Buch wie ein Thriller an der Grenze der Glaubwürdigkeit, dann wieder wie ein trockner Bericht über Belange, die nebensächlich anmuten, aber das Bild ergänzen, das sich im Kopf des Lesers zu formen beginnt.

Vielleicht verliert sich Riehle bisweilen in seiner Materialflut. Letzten Endes aber ahnt der Leser, dass am Fall Karajan mehr dran ist als angenommen. Wer sich mit der Person Karajan befasst, kommt um dieses Buch nicht herum. Wem der Dirigent Karajan genügt, kann sich auch weiterhin ungestört seiner "Bohème"-Einspielung oder dem Salzburger "Elektra"-Mitschnitt hinzugeben.





30 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-27 17:05:08
Letzte ńnderung am 2017-11-27 17:13:37



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. liebe
  2. Betörende Brautschau
  3. Eskalation im Pazifik
  4. Pop als Kunstwerk
  5. Es war einmal neutral
Meistkommentiert
  1. Peter Turrini mit Kulturpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet
  2. Beethoven-Skulptur in Wien enthüllt
  3. Ist da jemand?
  4. Zu kurzsichtig
  5. liebe

Werbung




Werbung



Werbung