• vom 28.11.2017, 16:14 Uhr

Kultur

Update: 28.11.2017, 16:22 Uhr

Sachbuchkritik

Woher kommt der Mensch?




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Von Wolfgang Taus

  • John Hands und Antonio Damasio entwerfen in zwei Büchern neue Naturgeschichten des Menschen.

Auguste Rodins "Denker" scheint Grundfragen des Menschseins nachzugrübeln: Woher kommt die Entwicklung des Menschen? Woher seine Kultur?

Auguste Rodins "Denker" scheint Grundfragen des Menschseins nachzugrübeln: Woher kommt die Entwicklung des Menschen? Woher seine Kultur?© afp/Bertrand Guay Auguste Rodins "Denker" scheint Grundfragen des Menschseins nachzugrübeln: Woher kommt die Entwicklung des Menschen? Woher seine Kultur?© afp/Bertrand Guay

Was macht den Mensch zum Menschen? Warum sind wir hier? Diese Fragen haben die Menschen seit mindestens 25.000 Jahren in ihren Bann gezogen. Zwei brandneue Bücher geben darüber auf Basis der letzten Erkenntnisse der Naturwissenschaft Auskunft.

Der britische Chemiker John Hands fokussiert sich auf die Frage: "Wozu das Ganze?" Aus den empirischen Belegen kann plausibel abgeleitet werden, dass wir uns aus ursprünglicher Energie zu kohlenstoffbasierten, beweglichen Lebensformen mit komplexem Verhalten entwickelt haben, die ein menschliches, reflektierendes Gehirn besitzen. Allerdings kann die Naturwissenschaft als empirische Disziplin nicht erklären, warum die physikalisch-chemischen Gesetze existieren. Newton glaubte, sie seien von Gott erschaffen worden, und auch Einstein war überzeugt, eine transzendente intelligente Macht stecke dahinter.

Information

Cosmosapiens - Die Naturgeschichte des Menschen von der Entstehung des Universums bis heute
John Hands
Knaus, 880 Seiten, 37,10 Euro

Im Anfang war das Gefühl - Der biologische Ursprung menschlicher Kultur
Antonio Damasio
Siedler, 320 Seiten, 26,80 Euro

Trend zum Altruismus

Wie die Entstehung von Leben aus unbelebter Materie, markiert auch die Herausbildung des reflektierenden Bewusstseins aus dem Bewusstsein eine nicht nur graduelle, sondern qualitative Veränderung. Die Evolution des Denkens war eng mit der Evolution von Glaubensüberzeugungen verknüpft. Erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts wirkt sich der zunehmende Trend zur Kooperation und zum Altruismus weltweit auf menschliche Gesellschaften aus.

Das unbelebte Evolutionsstadium erstreckte sich über 10 bis 20 Milliarden Jahre, das biologische über 3,5 Milliarden Jahre, und das Stadium des Menschen über einige zehntausend Jahre. Die philosophische Phase der Menschwerdung dauerte circa 3000 Jahre, die wissenschaftliche Phase etwa 450 Jahre, während Globalisierung und Konvergenz gerade einmal vor 65 Jahren einsetzten.

Die Antwort auf die Frage "Was sind wir?" lautet für Hands, dass wir alleine das unvollendete, zur Reflexion fähige Produkt eines sich beschleunigenden kosmischen Prozesses sind, der sich durch Zusammenarbeit, zunehmende Komplexität und Konvergenz auszeichnet, und dass unsere künftige Evolution in unserer Hand liegt.

Vor rund 30 Jahren begannen die Neurowissenschaften nachzuweisen, dass alles, was wir sehen, hören, denken und fühlen, mit der Aktivität von Neuronen in unserem Gehirn zusammenhängt. Hier setzt der portugiesische Neurowissenschafter Antonio Damiaso an. Er erzählt, wie der Mensch bestimmte Gefühle ausgeprägt hat, die das Entstehen von kulturellen Handlungsweisen überhaupt erst ermöglichten.

Kulturelle Tätigkeit hat ihren Ausgangspunkt im Affekt. Wenn wir die Konflikte und Widersprüche in der Naturgeschichte des Menschen begreifen wollen, dann müssen wir das vorteilhafte und nachteilige Wechselspiel zwischen Gefühlen und Vernunft verstehen lernen, so Damiaso.

Gefühl und Vernunft

Gefühle sind der menschliche Ausdruck von Homöostase (Selbstregulierung), und Homöostase, die unter der Decke der Gefühle aktiv wird, ist der Faden, der die früheren Lebensformen mit der außergewöhnlichen Partnerschaft von Körper und Nervensystem verbindet. Letztlich bezieht jeder Mensch seine evolutionäre Sonderstellung aus der einzigartigen Bedeutung seines Leidens und Gedeihens im Kontext der Erinnerungen an die Vergangenheit und der Vorstellungen von Zukunft, die wir uns unaufhörlich zurechtlegen.

In ihrem Bedürfnis, mit den menschlichen Herzensnöten umzugehen, und in ihrem Drang, die Wechselfälle des Lebens in Einklang zu bringen, wandten sich die Menschen dem Staunen und der Ehrfurcht zu. Dabei entdeckten sie Musik, Tanz, Malerei und Literatur. Von der Wiege bis zur Bahre, versucht der kulturelle Geist, das Drama des Menschlichen zu bewältigen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-28 16:17:10
Letzte ─nderung am 2017-11-28 16:22:20



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