• vom 05.12.2017, 16:10 Uhr

Kultur

Update: 05.12.2017, 16:26 Uhr

Interview

"Die mögen Frauen auf ihre Weise"




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Von Julia Wagner

  • Der deutsche Psychologe Rolf Pohl über problematische Denkmuster mancher Männer und einen neuen alten Sexismus.

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Die #metoo-Debatte bringt nicht nur umstrittene Alphamänner zu Fall: Sie treibt auch seltsame Blüten in Talkshows, die oft am Kern der Sache vorbeiführen. Der deutsche Sozialpsychologe Rolf Pohl klärt über Denkfehler in der Sexismus-Debatte auf - und woran bisher noch jeder Diskurs gescheitert ist.

"Wiener Zeitung":Überrascht es Sie, dass der Skandal um Harvey Weinstein und die folgende #metoo-Debatte solch ein Ausmaß angenommen haben?


Rolf Pohl:Ein bisschen schon. Die letzte Sexismus-Debatte in Deutschland gab es vor vier Jahren, sie ist bereits nach zehn Tagen zerplatzt wie eine Seifenblase. Obwohl es zum #aufschrei damals über 70.000 Einträge von betroffenen Frauen gab, ist die Diskussion eingeschlafen. Deswegen wundert es mich, dass das jetzt schon einige Wochen dauert. Das liegt vermutlich daran, dass #metoo eine weltweite Geschichte ist und die Mächtigen trifft. Der Auslöser vor vier Jahren, eine sexistische Bemerkung von Rainer Brüderle, war lächerlich dagegen.

Denken Sie, die Diskussion kann diesmal nachhaltig etwas bewirken?

Da bin ich wiederum nicht so sicher. Es kann sein, dass es sich wieder totläuft, wenn jetzt nichts Spektakuläres mehr passiert. Die Talkshows können auch nicht immer das gleiche Thema behandeln. Das ist ja jetzt die große Aufgabe, dass man versucht, an die Wurzeln des Problems zu gehen. Daran sind bisher immer alle Sexismus-Debatten gescheitert.

Was ist die Wurzel des Problems?

Wir leben nach wie vor in einer Kultur, in der eine hierarchische Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit vorherrscht. Das Männliche ist noch immer das Überlegene, was das Denken, die Kultur, die Verhaltenslogik oder die Kommunikation bestimmt. Man sagt noch immer "man", wenn man den Menschen insgesamt meint. Trotz aller Modernisierung in den Geschlechterverhältnissen sind wir längst nicht so weit, wie wir bisher glaubten. Das merkt man immer, wenn solche Skandale hochkommen. Dahinter steckt aber nicht, dass jeder Mann potenziell ein Täter ist, sondern eine Struktur, die es in bestimmten Situationen möglich macht, dass Männer übergriffig werden.

Sind es nur Alphamänner wie Weinstein, die übergriffig werden?

Nein. Sexuelle Straftaten werden einerseits von Männern begangen, die aus der Machtvollkommenheit ihrer Position heraus glauben, dass sie das Recht haben, die Frau als Beute zu sehen, wie diese ganzen Trumps, Strauss-Kahns oder Berlusconis. Es gibt andererseits bei sexuellen Übergriffen oder Sexualstraftätern aber häufig Männer, die aus Gefühlen von subjektiv empfundener Ohnmacht heraus handeln, die mit sexueller Gewalt kompensiert wird. Das scheint fast das Gegenteil zu sein, ein anderer Männlichkeitstypus, aber es gehört zum gleichen Grundmuster. Um Macht zu erlangen oder Männlichkeit zu beweisen, wird Gewalt angewendet.

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Dokument erstellt am 2017-12-05 16:14:08
Letzte nderung am 2017-12-05 16:26:06



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