• vom 29.12.2017, 17:30 Uhr

Kultur


Neujahrsvorsätze

Große Vorsätze - kleine Taten




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Von Edwin Baumgartner

  • Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel dazu - warum nur ist es so schwer, sie auf Dauer umzusetzen?


© WZ-Illustration (Zeichnung: reisdesign/stock-adobe.com) © WZ-Illustration (Zeichnung: reisdesign/stock-adobe.com)

Christians guter Vorsatz für das Jahr 2017, geäußert am 29. Dezember 2016, war, sich in Zukunft der Bitterschokolade-Lindor-Kugeln zu enthalten. Er sagte es, während er genussvoll eine im Mund schmelzen ließ. Dafür gibt es Zeugen. Marions guter Vorsatz für das Jahr 2017 war, weniger Geld auf Flohmärkten auszugeben. Für den am 30. Dezember 2016 geäußerten Vorsatz gibt es einen Zeugen. Und es gibt einen Zeugen dafür, dass sich Petra am 31. Dezember 2016 vorgenommen hat, täglich 45 statt 30 Minuten zu joggen.

"Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, nicht mit schlechten" - das Bonmot könnte von Oscar Wilde sein, ist aber, da sind die Zitate-Lexika uneinig, entweder ein italienisches Sprichwort oder ein Ausspruch von George Bernard Shaw. Einmal nachdenken: Hat der wahlweise italienische Volksmund oder der irische Spötter recht? Der nicht eingehaltene gute Vorsatz ist im Grunde doch ein gebrochenes Versprechen. Und gebrochene Versprechen sind der Zunder unter des Teufels Kochtöpfen. Aber nicht nur: Zumindest für eine kleine Weile verschaffen sie einem ein nagendes Gewissen. Hätte ich nur... Wenn ich nur... Immer ist da der Glaube, man könne mit dem alten Jahr alles abstreifen, was man an sich selbst bemängelt, und im Neuen Jahr geläutert aus dem Sektkater steigen wie der Phönix aus der Asche. Nur funktioniert‘s in so vielen Fällen nicht wirklich. Was, zum Teufel (da ist er wieder, der Herr der jenseitsunterweltlichen Küchenutensilien, quasi ein Bocuse infernal), ist nur so schwer daran, gute Vorsätze einzuhalten?


Appelle ans Gewissen
Im Prinzip ist es ganz einfach: Der gute Vorsatz ist, genau genommen, nichts wert. Er definiert kein Ziel ("weniger Lindor-Kugeln essen" - ja, und?), es ist unklar, wie man den guten Vorsatz umsetzen will (einfach nicht mehr auf Flohmärkte gehen - aber was ist mit den Antiquitätenläden?). Vor allem aber ist der Stolperstein der zu hoch gegriffene Vorsatz, der Vorsatz, der in die Persönlichkeit eingreift, vor allem, wenn dafür kein Sinn definiert wird: "Weniger Zeit vor dem Fernseher verbringen" - weshalb eigentlich? Und was ist jetzt eigentlich so schädlich daran, wenn man sich die nächste Staffel von "Elementary" anschaut? Und warum soll man dafür den "Tatort" opfern? Oder umgekehrt.

Gegen Ende jedes Jahres sprießen die Vorsätze-Listen aus dem Boden - und keineswegs nur die eignen. Auch in diversen Medien und Internetseiten finden sich Listen von guten Vorsätzen für Menschen, denen keine eigenen guten Vorsätze einfallen. Der gute Vorsatz gehört halt zum Jahreswechsel dazu, ein Schuft, wer keinen hat. (Als guter Vorsatz fürs nächste Jahr wäre zu überlegen, rechtzeitig gute Vorsätze für den nächsten Jahreswechsel vorzunehmen.)

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Dokument erstellt am 2017-12-29 16:02:06
Letzte nderung am 2017-12-29 17:02:04



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