• vom 03.01.2018, 17:11 Uhr

Kultur

Update: 04.01.2018, 07:22 Uhr

Vorlesen

Das Lagerfeuer für die Ohren




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Von Christoph Irrgeher

  • Die Tradition des Vorlesens hat in der Familie an Boden verloren - auf professionellem Niveau erlebt sie eine Renaissance.

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Wirklich lehrreich sind sie nicht, die Bücher vom "Magischen Baumhaus". Die US-Amerikanerin Mary Pope Osborne hat sie in rauen Mengen verfasst und wenig Zeit mit Recherche verplempert. 53 Bände liegen bis heute vor, die Geschwister Philipp und Anne reisen darin durch die Zeit. Landen sie in der Frühgeschichte, treffen sie auf vegetarische und fleischfressende Dinosaurier. Steigen sie im Mittelalter ab, lernen sie Burgen kennen mit guten wie bösen Rüstungsträgern. Weltweit hat Mary Pope Osborne mehr als 130 Millionen "Baumhaus"-Exemplare verkauft. Zu Recht?

Gewiss, das ist Meterware und nicht für den Nobelpreis zu empfehlen. Man sollte aber auch nicht zu strenge Maßstäbe an Kinderbücher anlegen, vor allem, wenn sie - wie in Osbornes Fall - mit einem soliden Spannungsbogen daherkommen. Dann eignen sie sich gut zum Vorlesen. Und das ist von entscheidender Bedeutung für Kinder, sagen Forscher.


Vorlesen, auch ein Tor zum sozialen Aufstieg
Das Vorlesen löse nämlich eine ganze Reihe von Lerneffekten aus. Dabei ist es nur einer unter vielen, dass das Buch ein Tor zur Welt aufstößt und Sachwissen vermittelt. Das Vorlesen erweitert den Wortschatz, es schult das Sprachgefühl; es beflügelt die Fantasie und lässt Bilderwelten entstehen. Außerdem: Weil Bücher nicht nur von Menschen handeln, sondern immer auch von deren Empfindungen, schulen sie das Einfühlungsvermögen. Wer sich den Mund für seine Nachkommen fusselig liest, vermittelt Herzensbildung und verhilft dem Nachwuchs zu sozialer Kompetenz - nicht unwichtig für das Fortkommen in der Gesellschaft.

Was man auch nicht übersehen sollte: der geborgene Rahmen, in dem dieses Vorlesen stattfindet. Sicher: Eine ungetrübte Familienharmonie gibt es nur in der Fantasie und der Werbung. Die Lesestimme eines Erwachsenen kann aber auch am Ende eines stinknormalen Tages, nach Zahnputz-Zank und Schultaschen-Suche, im Kinderzimmer eine Art Lagerfeuer-Stimmung entwickeln. Das stärkt den Familienzusammenhalt, und es lässt die Hörer (nicht nur die kindlichen) zur Ruhe kommen.

Auch das Kleinkind will gefördert sein
Die gemeinsame Lektüre ist aber nicht nur gut für den Kopf und einen gesunden Schlaf - sie fördert auch die Freude am Lernen und hilft damit womöglich beim Aufstieg. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die deutsche Vorlesestudie von 2017 - eine Untersuchung, die jährlich im Nachbarland durchgeführt wird. Kinder, die oftmals ein elterliches Lektüre-Service erhalten, heißt es, würden auch lieber in die Schule gehen.

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Schlagwörter

Vorlesen, Bücher

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Dokument erstellt am 2018-01-03 17:14:06
Letzte nderung am 2018-01-04 07:22:45



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