• vom 07.01.2018, 07:03 Uhr

Kultur


Vaterunser

Pandoras Übersetzungswerkstatt




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Papst warf die Frage der korrekten Vaterunser-Übersetzung auf - die Konsequenzen sind weitreichend.

Wie betet man richtig? - El Grecos Petrus scheint noch nicht zu zweifeln.

Wie betet man richtig? - El Grecos Petrus scheint noch nicht zu zweifeln.© Erich Lessing/picturedesk.com Wie betet man richtig? - El Grecos Petrus scheint noch nicht zu zweifeln.© Erich Lessing/picturedesk.com

Wer kennt noch Hans Rothe? - Rothe war der wortgewaltigste Übersetzer der Dramen William Shakespeares. Nur begnügte er sich nicht damit, zu übersetzen, was Shakespeare geschrieben hat, sondern Rothe übersetzte, was seiner Meinung nach Shakespeare schreiben hätte sollen. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich die Katholische Kirche. Denn jede Übersetzung ist Interpretation. Und manch eine Interpretation kann, und sei sie noch so gut gemeint, als Schlüssel zur Büchse der Pandora dienen. Umso mehr, wenn es um die Übersetzung der Basis des christlichen Glaubens geht, also um die Bibel.

Im jüngsten Fall sind die Diskussionen wohl nur über Weihnachten etwas abgeflaut: Papst Franziskus fand einen Vers der deutschen Übersetzung des Vaterunsers nicht adäquat: "Und führe uns nicht in Versuchung" sei "keine gute Übersetzung", da Gott nicht in Versuchung führe.


Sakrosanktes Gebet?
Nun galten die Worte des Vaterunsers bisher als sakrosankt, denn sie stammen von Jesus selbst. Man findet sie zu Beginn des 11. Kapitels des Lukas-Evangeliums. Überprüfen wir einmal, wie groß der Spielraum für die Übersetzung ist. Die kritisierte Zeile heißt auf Altgriechisch "kai me eisenenkes hemas eis peirasmon", unter Beibehaltung der Wortstellung auf Deutsch: "und nicht führe uns in Versuchung". "Enekein" bedeutet "in etwas hineinführen". Die grammatikalisch genaue Übersetzung der Stelle lautet: "Und mögest Du uns nicht in die Versuchung hineinführen". Die lateinische Übersetzung gibt das eins zu eins wieder mit "et ne nos inducas in tentationem". Ein Übersetzungsspielraum öffnet sich hier nicht.

Nun mag man zu Tricks greifen. Ein beliebter ist, dem Übersetzer ins Griechische Fehler zu unterstellen. In Griechisch ist das Neue Testament abgefasst, weil diese Sprache die Lingua franca der Zeit war, so wie heute Englisch; wollte man eine Lehre verbreiten, musste man sie auf Griechisch formulieren. Jeschua hat Aramäisch gesprochen. Da Übersetzungsfehler immer möglich sind, könnte die griechische Übersetzung der aramäischen Worte Jesu ungenau sein.

Schon öffnet sich die Büchse der Pandora einen Spalt breit. Denn wenn ein zentraler Text der Evangelien, immerhin das von Jesus selbst formulierte Gebet, mangelhaft ins Griechische übersetzt wurde: Welche Übersetzungsfehler sind noch unterlaufen? Kann man dem griechischen Text des Vaterunsers nicht mehr trauen - wie steht es um die Bergpredigt? Wie um die Verheißung der Auferstehung? Oder ist das ganze Problem des Vaterunsers nicht dessen Text, sondern dessen Einleitung? In ihr heißt es bei Lukas wörtlich: "Er (Jesus, Anm.) sagte aber ihnen: Wenn ihr betet, sagt: (usw.)" Das "sagte" hat mehrere Unterbedeutungen, die das Wort färben: Es kann "lehren" bedeuten, auch "anordnen", "auffordern" und "meinen".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-04 17:08:05
Letzte nderung am 2018-01-04 17:12:36



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