• vom 30.05.2012, 15:23 Uhr

Kultur

Update: 06.05.2013, 15:29 Uhr
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Nachlese 2012

Ein Roman erregt die Behörden



Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.

Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.© wikipedia Michail Bulgakow legte sich mit der Bürokratie der Sowjetunion an.© wikipedia

Dieser am 4. September 1890 geborene Philosoph und Autor, der vor allem als Spezialist für Immanuel Kant gilt, schreibt in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre ein Buch mit dem Titel "Ein verbrannter Roman". Die Parallelen zwischen dem Text Golosowkers und dem Bulgakows sind eindeutig: In beiden Büchern nimmt die Handlung Bezug auf verbrannte und deshalb unvollständig überlieferte Werke. Beide Romane behandeln den Gegensatz von Gut und Böse anhand einer eigenwilligen Interpretation der Biografie Christi. Der größte Unterschied ist, dass bei Bulgakow der Teufel seine Hand im Spiel hat, während bei Golosowker der Mensch als Versucher Christi auftritt.

Golosowkers Gedanken
Zur gleichen Zeit wie Golosowker an seinem Roman schreibt, arbeitet Bulgakow an der ersten Version von "Der Meister und Margarita". Ist es möglich, dass zwei Autoren gleichzeitig, aber völlig unabhängig voneinander zu einer überraschend ähnlichen Behandlung eines überraschend ähnlichen Themas finden? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit - gerade angesichts der russischen Praxis, dass Künstler ihre Werke schon ab dem Entstehungsprozess untereinander diskutieren?

Die Brisanz ist dabei nicht die Frage, ob der geringfügig spätere Bulgakow bei Golosowker abgeschrieben hat, russische Autoren lieben es schließlich, Literatur über Literatur zu verfassen. Die wirkliche Brisanz besteht darin, dass Golosowker 1936 wegen seiner oppositionellen Einstellung gegenüber dem Sowjet-Regime zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt wird. Dass Golosowker selbst überlebt und auch sein Roman nicht der Vernichtung anheimfällt, ist eine glückliche Schicksalsfügung, war jedoch zweifellos nicht intendiert.

Sollten die Autoren voneinander gewusst haben: Kann es sein, dass Bulgakow, obwohl er selbst mit dem Regime die größten Probleme hatte, die Ideen Golosowkers retten wollte? Dann hätten sowjetische Behörden 1966 zugestimmt, die Gedanken eines ausgewiesenen Staatsfeindes zu veröffentlichen. Die bittere Ironie wäre dann freilich, dass der Retter früher am Regime zugrunde ging als der Gerettete: Bulgakow stirbt am 10. März 1940, Golosowker am 20. Juli 1967.

Im deutschen Sprachraum erscheint Bulgakows "Der Meister und Margarita" erstmals 1968 und wird zum Sensationserfolg. Goloswokers "Verbrannter Roman" muss bis 1992 warten, ehe er unter dem Titel "Jesus verlässt Moskau" herausgebracht wird. Und nahezu unbemerkt bleibt.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-30 15:29:09
Letzte Änderung am 2013-05-06 15:29:01


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