• vom 02.12.2015, 17:19 Uhr

Kultur

Update: 02.12.2015, 17:52 Uhr

Landschaftsarchitektur

Hunger nach Grün




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Von Christina Höfferer

  • Landschaftsarchitekt Andreas Kipar verwandelt Industriezonen in grüne Oasen. Und will Natur in die Städte zurückholen.

Neu gestaltete Grünoasen - wie hier in Mailand - sollen einen bewussten Gegenpol bilden zum hektischen Treiben der modernen Gesellschaft.

Neu gestaltete Grünoasen - wie hier in Mailand - sollen einen bewussten Gegenpol bilden zum hektischen Treiben der modernen Gesellschaft.

"Wer Natur sucht, der fährt an den Gardasee, in die Toskana oder nach Südtirol", sagt Andreas Kipar, der in Gelsenkirchen geborene Landschaftsarchitekt, "aber nach Mailand?" Um Natur auch in die Arbeitsmetropole Italiens zu bringen, begann Kipar vor mehr als dreißig Jahren, im Mailänder Nordpark Bäume zu pflanzen. Graue Industriebrachen in grüne Oasen verwandeln, das tut Andreas Kipar, der auch einen Lehrauftrag an der Mailänder Universität Politecnico innehat, seitdem. Nicht nur, aber vor allem in Italien. Mit seiner Ausstellung "Land" tourt er als Botschafter der Bäume und der Natur in der Stadt von Rom bis Moskau. 1985 wurde er selbständig und gründete das Büro Kipar, heute KLA Kiparlandschaftsarchitekten Milano Duisburg. Er ist Mitgründer des gemeinnützlichen Vereins Green City Italia. Im September 2015 wurde er für seine Arbeit mit dem PLEA Preis für Grüne Architektur und nachhaltigen Städtebau ausgezeichnet.

Natur in der Stadt soll es, so Andreas Kipar, den Menschen ermöglichen, die Stadt wieder in Ruhe zu Fuß zu erkunden, sie sich gewissermaßen wieder anzueignen.

Natur in der Stadt soll es, so Andreas Kipar, den Menschen ermöglichen, die Stadt wieder in Ruhe zu Fuß zu erkunden, sie sich gewissermaßen wieder anzueignen.© LAND Natur in der Stadt soll es, so Andreas Kipar, den Menschen ermöglichen, die Stadt wieder in Ruhe zu Fuß zu erkunden, sie sich gewissermaßen wieder anzueignen.© LAND

"Wiener Zeitung": Sie erzählen gerne, dass Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Wie kam das?


Andreas Kipar: Mein Hobby, das Gärtnern, potenzierte sich schnell zum Kultivieren. Reisen wurde für mich rasch zum Studium. Ich fragte mich, wie ist die Landschaft entstanden, die ich bereise? Was sind die wirtschaftlichen, territorialen, geografischen und sozialen Zusammenhänge? Wie leben die Menschen in der Landschaft?

Warum haben Sie sich gerade in Italien niedergelassen?

Als junger Mensch bin ich
einmal auf den Spuren von Goethe Vater gereist. Dabei stellte ich fest, dass mir dieses Land durch seine Vielschichtigkeit eine besondere Aufmerksamkeit abfordert.

Worin sehen Sie die Vielschichtigkeit in Italien?

Beim Aufeinanderlegen von Entwicklungsepochen wird das Alte nicht unbedingt abgebaut. In unseren Masterplänen findet man in der Valle del Sacco in der Nähe von Rom einen krautigen Bischof auf seinem Bischofssitz mit einer römischen Kapelle, darunter befindet sich eine griechische.

Wie sieht Ihre Bilanz nach den ersten 25 Jahren aus, in denen Sie Italien beackern?

Meine Bilanz ist, dass man Italien gar nicht beackern kann, weil es keine großen zusammenhängenden Äcker gibt. Wenn überhaupt, dann kann man Italien kultivieren. Das Land ist sehr kleingliedrig, genau das zieht uns an, und da meine ich nicht nur die Toskana.

Wie viele Bäume haben Sie bisher in Italien gepflanzt?

In den italienischen Städten komme ich mit meiner Arbeit im Laufe von dreißig Jahren auf etwa 228.000 gepflanzte Bäume, in Ravenna, Rimini, im postindustriellen Mailand mit seinen neuen Parks, in Rom und in Neapel. Bäume haben etwas Tolles an sich, wenn man sie einmal gepflanzt hat, dann wachsen sie. Mein Rat an die jungen Kollegen: Pflanzt Bäume!

Haben Sie auch ein Haus in Italien gebaut?

Das Häuserbauen überlasse ich den Kollegen, damit ich mich auf die Kultivierung von Landschaft konzentrieren kann. Der Park und die Landschaft bilden einen Prozess des Werdens, eine flexible Struktur. Das Häuserbauen ist eine statische Struktur. Mir liegt vielleicht das Flexible mehr.

Dann liegen Sie ja ganz im Trend der italienischen Mentalität.

Die ist immer im Fluss. An sich wird im nicht so innovationsfreundlichen Italien jede Veränderung kritisch aufgenommen. Und doch erleben wir jetzt gerade eine Transformation der Mailänder Stadtlandschaft. Zum ersten Mal in den vielen Jahren sehe ich Reisegruppen aus der italienischen Provinz, die unser Projekt Porta Nuova begutachten und den Wandlungsprozess in Mailand erleben, mit Begeisterung.

Hat sich das Verhältnis von Italien und Natur gewandelt?

Der Hunger nach Grün, nach Natur, ist so groß, dass er sich auch über das steinerne Mailand ausgebreitet hat.

Jetzt planen Sie ein großes Projekt in Rom, den "Grünen Archipel".

Die Erfahrung, die wir mit den "Grünen Strahlen" in Mailand
gemacht haben, hilft uns in der zehn Mal so großen Stadtlandschaft der italieneischen Hauptstadt mit seinen 129.000 Hektar Agro Romano, da geht es um den Neubau des Stadiums von AS Roma, über die Bewerbung für die Olympischen Spiele bis hin zur Flughafensicherung. Viele Behörden wollen die Landschaft weiterentwickeln.

Wie sieht Ihr Konzept für die Landschaftsplanung um Rom aus?

Wir haben 13 Räume mit verschiedenen kleinen Projekten entwickelt. Das Wichtigste ist dabei die Moderation, wie in einem Orchester muss geprobt werden, es braucht einen guten Dirigenten, nicht nur Solisten. Wer Landschaft nachhaltig sichern möchte, braucht den langen Atem, um Landschaft zu ästhetisieren.

Was meinen Sie mit Ihrem Zugang "project to protect"?

Ein Projekt braucht mitunter gar nicht realisiert werden, es ist eine Idee, ein Leitbild für die Landschaft, damit wir aus dem Banalisieren herauskommen und aus unserer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schönen in der Landschaft. Das reicht oft schon als Anstoß zur Veränderung.

Wie sieht die neue Begegnung mit der Landschaft aus, die Sie entwickeln?

Mit den Vertretern des Kulturministeriums in Rom denken wir über nachhaltige Landschaftsentwicklung nach, nicht nur Küste und Meer, sondern hinein in den Apennin und in die Abruzzen, zu Fuß unterwegs auf der Via Appia. Anhand von 25 Masterplänen von Norden nach Süden haben wir
eine Würdigung der italienischen Landschaft erstellt, eine Ausstellung, die wir schon in Rom, Mailand, Turin, Venedig und Moskau gezeigt haben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-02 17:23:07
Letzte nderung am 2015-12-02 17:52:29



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