Adelige, die ihren Gästen ausgefallene Lustbarkeiten bieten konnten, galten anno dazumal als besonders mächtig. So kam es, dass sich in der frühen Neuzeit an den Fürstenhöfen die Sitte der Trinkspiele etablierte. Freilich ging es dabei nicht um das Trinken allein, sondern vor allem um das Drumherum. Wer an seinem Hof mit kuriosen Trinkgefäßen aus besonders edlen Materialien aufwarten konnte, durfte mit entsprechender Achtung und Anerkennung rechnen.
Der hier abgebildete Narrenkopfbecher aus der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien entsprach diesen Anforderungen. Die eigentliche Trinkschale bildet eine Kokosnuss, die im Europa des 16. Jahrhunderts eine Rarität ersten Ranges darstellte. Die an der Nuss montierte Silberfassung verleiht dem Ganzen eine Gestalt, die in auffälliger Weise einer Narrenkappe aus vorindustrieller Zeit gleicht.
Wetttrinken als höfischer Zeitvertreib
Da die Glöckchen beim geselligen Trinken nicht zum Schwingen gebracht werden durften, erforderte die Handhabung des Bechers ein besonderes Geschick. In ironischer Weise verweist die Machart des Gefäßes auch darauf, dass sich Trinkende nicht selten zum Narren machen. Kunsthistoriker gehen davon aus, dass der Narrenkopfbecher ursprünglich einen Schalendeckel hatte, der womöglich in der Form einer Narrenfratze gestaltet war.

Die an der Schwelle zur Neuzeit erzeugten Scherzgefäße dienten recht unterschiedlichen Trinkspielen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich das Wetttrinken. In anderen Fällen ging es um die Geschicklichkeit des trinkenden Kandidaten, der jeweils von der ganzen Tafelrunde beobachtet wurde. War jemand nicht geschickt genug, lief er Gefahr sich beim Trinken anzuschütten, worauf die anderen Teilnehmer des Spiels freilich nur warteten.
Die Dreistigkeit der Nackten
Bei manchen Scherzgefäßen, wie bei der hier abgebildeten Allegorie der Fürwitzigkeit, mussten die Mitspieler erst durch das Entfernen diverser Stöpsel die Trinköffnung finden. Weitere versteckte Öffnungen konnten bei solchen Figuren dazu führen, dass Wein in unterschiedlicher Richtung ausfloss.
Das Wort "Fürwitzigkeit" ist längst veraltet; es bedeutet "Dreistigkeit". Mit der Figurenbenennung wird der dargestellten Nackten Dreistigkeit unterstellt. Indes mag es auch von einer gewissen Dreistigkeit gezeugt haben, wenn ein Gastgeber eine splitternackte Frauenfigur, deren Hinterteil noch dazu die Stacheln eines Igels zu spüren bekommt, vor einer erlauchten Tafelrunde – darunter vermutlich auch hochgestellte Damen – zur Schau stellte.
Der phallisch anmutende Gegenstand in der Hand der Figur ist im gegenständlichen Kontext nicht weiter erörterungsbedürftig. Pikantes Detail des Spiels: Die Nackte musste beim Trinken in die Hand genommen werden. . .
Print-Artikel erschienen am 19. Juli 2012
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7
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