• vom 04.12.2014, 00:00 Uhr

Museum

Update: 27.03.2017, 21:25 Uhr

Museumsstücke

Das Kaffeehaus des papierenen Kickers




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Von Johann Werfring

  • Dass Fußballgeschichte auch für jene spannend sein kann, die daran nur mäßig interessiert sind, ist im FK Austria Wien Museum nachzuvollziehen.

Matthias Sindelar vor seinem Wiener Kaffeehaus, 1938.

Matthias Sindelar vor seinem Wiener Kaffeehaus, 1938.© FK Austria Wien Museum Matthias Sindelar vor seinem Wiener Kaffeehaus, 1938.© FK Austria Wien Museum

Nachdem ich schon jahrzehntelang alle möglichen musealen Sammlungen beäugt hatte, verschlug es mich unlängst erstmals in ein Museum, das sich ausschließlich dem Fußballsport widmet. Nämlich jenes, das seit 2009 vom "violetten" Wiener Fußballklub Austria betrieben wird.

Dass es in Österreich vor Zeiten ein "Wunderteam" gegeben hat, gehört hierzulande sozusagen zur Allgemeinbildung. Über die Akteure, die in diesem Team Wunderdinge vollbrachten, sind indes nur Insider informiert.

Information

FK Austria Wien Museum
Generali-Arena, 1100 Wien, Horrplatz 1
Mo bis Fr 9–18 Uhr, Sa 9–13 Uhr
Sonderführungen ab 10 Personen
nach Vereinbarung, Tel. 01/688 01 50
www.fk-austria.at


Beim Museumsrundgang wird rasch klar, dass der bedeutendste Spieler sowohl des Wunderteams als auch in der Geschichte des FK Austria ein Mann namens Matthias Sindelar gewesen ist. Bei meiner späteren Nachbereitung des Museumsbesuchs entnehme ich dem "Österreichischen Biografischen Lexikon" die Information, dass jener sogar als bester Fußballspieler gilt, den Österreich je hervorgebracht hat. "Er war die Austria", verkündet eine museale Hinweistafel. Ein späterer Austria-Star, namentlich Herbert Prohaska, wird im Museum als "der Sindelar der 70er und 80er Jahre" bezeichnet.

Sindelars Ehrengrab in Wien

Neben all den sportlichen Glanztaten Sindelars, die auf Bildern und Tafeln dokumentiert sind, verschweigt das Museum nicht, dass sich der Ausnahmespieler mit dem Kauf eines von den Nazis "arisierten" Wiener Kaffeehauses ein zweites berufliches Standbein für die Zeit nach seiner Karriere verschaffte.

Diese Information sowie die hier abgebildete Fotografie, auf der sich Sindelar vor seinem Kaffeehaus präsentiert, ist im Museum auf einer Schautafel mit folgendem Satz übertitelt: "I, Herr Doktor, werd’ Ihna oba immer griaß’n".

Das Zitat bezieht sich auf den jüdischen Austria-Klubpräsidenten Emanuel Schwarz. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde Dr. Schwarz als Präsident abgesetzt, und der neue Vorstand untersagte es den Spielern, Schwarz zu grüßen. Mit dem zitierten Satz bekundete Sindelar in aller Öffentlichkeit seine Sympathie für Emanuel Schwarz.

Freilich ist die solcherart umgesetzte museale Darbietung eine vergröberte Simplifizierung historischer Gegebenheiten: Sindelar, der Inhaber eines "arisierten" Kaffeehauses, wird damit, so scheint es, von vermeintlicher Nähe zu den NS-Machthabern freigesprochen.

Seit dem Jahr 2003 liegen sich hierzulande gebildete Leute in den Haaren, die in Aufsätzen und Zeitungsartikeln, bis hin zu streitschriftartigen Abhandlungen, hinsichtlich Sindelars Erwerbs des "arisierten" Kaffeehauses völlig gegensätzliche Positionen darlegen. Während einerseits behauptet wird, die größte Fußballerlegende des Landes habe 1938 mit diesem Kauf unehrenhaft gehandelt, wird auf der anderen Seite argumentiert, es handle sich dabei um eine Diskreditierungskampagne.

Sindelar wird damit in doppelter Hinsicht seinem Spitznamen "Der Papierene" gerecht: Der Name wurde ihm ja angeblich wegen seiner grazilen Statur und seines "körperlosen" Spiels verpasst. Infolge des anhaltenden Diskurses um sein Kaffeehaus wird nun fortwährend viel Papier bedruckt.

Befasst man sich näher mit der Literatur rund um das Café Sindelar, so wird deutlich, dass diese Causa spannende Streiflichter auf die Wiener Verhältnisse zur Zeit der NS-Herrschaft wirft. Vor rund zehn Jahren kam eine Historikerkommission zu der Auffassung, dass Sindelars Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof trotz "moralischer Bedenken" vertretbar sei. Es wäre begrüßenswert, wenn sich dieser Angelegenheit auch das FK Austria Wien Museum in komplexerer Weise widmen würde.

Print-Artikel erschienen am 4. Dezember 2014
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokument erstellt am 2014-12-01 12:35:05
Letzte ńnderung am 2017-03-27 21:25:27



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