• vom 01.10.2015, 02:15 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:20 Uhr

Museumsstücke

Denkmäler der Freundschaft




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Von Johann Werfring

  • Eine reizende Ausstellung zu einer spezifischen Form der Erinnerungskultur ist derzeit im Museum für Volkskunde in Wien-Josefstadt zu sehen.

Loseblattsammlung in Buchkassette, Laufzeit 1834 bis 1863 (l.), Seite eines Stammbuchs aus Wien, Laufzeit 1946 bis 1949 (r.). - © Österreichisches Museum für Volkskunde

Loseblattsammlung in Buchkassette, Laufzeit 1834 bis 1863 (l.), Seite eines Stammbuchs aus Wien, Laufzeit 1946 bis 1949 (r.). © Österreichisches Museum für Volkskunde

Wie eine österreichische Liebeserklärung an die Handschrift – in einer Zeit, in der selbige in anderen Ländern verschmäht und abgeschafft wird – mutet die aktuelle Sonderausstellung im Museum für Volkskunde in Wien-Josefstadt an. Ebenso wie die Schau selbst verdeutlicht auch der lesenswerte Katalog, mit einem Abriss der Geschichte des Stammbuchs, welch enormen Reiz das Sammeln eigenhändig verfasster Widmungen jahrhundertelang auf unzählige Menschen ausgeübt hat.

Die Anfänge der Stammbuchtradition reichen zurück bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts; als Ausgangspunkt wurde von der Forschung Wittenberg lokalisiert, wo Anhänger der Reformation aus den bürgerlichen Mittel- und Oberschichten sowie Vertreter aus dem adeligen Umfeld erste eigenhändige Widmungen verfassten. Schon bald verbreitete sich diese Gepflogenheit über Wittenberg hinaus, womit auch eine konfessionelle und gesellschaftliche Ausweitung verbunden war.

Information

Denk an mich! Stammbücher und
Poesiealben aus zwei Jahrhunderten

Österreichisches Museum
für Volkskunde

1080 Wien, Laudongasse 15–19
Di bis So und Feiertage 10–17 Uhr
bis 22. November 2015
Tel. 01/406 89 05


Das äußere Erscheinungsbild des Stammbuches, mitunter auch als "Album Amicorum", "Poesiealbum" oder "Denkmal der Freundschaft" betitelt, änderte sich im Lauf der Jahrhunderte – ebenso wie die Gestaltung der Widmungen und der beigefügten Illustrationen – mehrfach beträchtlich. Fest steht jedenfalls, dass es zunächst lange Zeit eine ausgesprochen männliche Domäne gewesen ist, ehe die Pflege von Stammbüchern im ausklingenden 18. Jahrhundert verstärkt in weibliche Hände überging.

Die hier abgebildete Kassette veranschaulicht eine neue Form des Stammbuchs, wie sie seit dem späten 18. Jahrhundert üblich wurde: Die gebundenen Bücher wurden damals zunehmend von Loseblattsammlungen abgelöst, die in solchen Behältnissen untergebracht wurden. Gegenüber den bis dahin üblichen gebundenen Büchern, in denen sich die Eintragenden nacheinander verewigten, bestand der Vorteil unter anderem darin, dass die Besitzer der jeweiligen Sammlung nun eine persönliche Reihung vornehmen konnten.

Einen Höhepunkt erreichte die Stammbuchkultur infolge einer neuen Freundschaftseuphorie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu jener Zeit wurden wieder gebundene Bücher bevorzugt. Zwar waren die meisten Einträge einem vorgegebenen Kanon an Sprüchen entlehnt, jedoch gab es mitunter auch recht individuell gehaltene Texte. Die dekorativen Beifügungen reichten von Zeichnungen über diverse Haarkunstwerke bis hin zur Umsetzung einer mannigfachen Blumensprache.

In der Erstellungszeit unserer rechten Abbildung war die Stammbuchkultur längst auf kindliche Kreise reduziert. Ab Mitte der 1980er Jahre wurden Freundschaftsbücher schließlich in Form von vorgedruckten Fragebögen üblich. Solche "Schulklassenfragebögen", wie sie einmal aus einem Kindermund bezeichnet wurden, ermöglichen den Austausch von Daten wie Adresse, Telefonnummer und Gewicht. Poesie ist auf ihnen keine mehr zu finden.

Print-Artikel erschienen am 1. Oktober 2015
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-28 18:38:04
Letzte nderung am 2017-03-20 21:20:16



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