• vom 14.01.2016, 00:15 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:19 Uhr

Museumsstücke

Die Musealisierung des Watschenmannes




  • Artikel
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Der Watschenmann zählte jahrzehntelang zu den Hauptattraktionen im Wiener Wurstelprater. Obwohl es ihn nicht mehr gibt, ist er in der Sprache omnipräsent.

Watschenmann mit Intensitätsmesser im Wiener Pratermuseum.

Watschenmann mit Intensitätsmesser im Wiener Pratermuseum.© Johann Werfring Watschenmann mit Intensitätsmesser im Wiener Pratermuseum.© Johann Werfring

Es gibt Situationen, in denen man als zivilisierter Mensch Lust verspürt, jemandem eine Ohrfeige zu geben. Etwa beim Autofahren, wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer gewisse Unverschämtheiten auf die Spitze treibt. Infolge diverser Sozialisationsprozesse (oder aber wegen der zu erwartenden Rechtsfolgen) tut man es freilich nicht.

Jedenfalls beschleicht einen mitunter das Gefühl, als sei ein derartiges, unter bestimmten Bedingungen aufkeimendes Verlangen ein tief verankertes menschliches Bedürfnis, dessen Unterdrückung zu seelischen Schmerzen führt. Eigentlich möchte man dem Gegenüber ja gar keine besonderen physischen Qualen bereiten. Es geht allein um Demütigung, die der eigenen Befindlichkeit nützen soll. Da intuitiv im Kopf der Sitz der Seele vermutet wird, ist eine Ohrfeige in hohem Maße dazu geeignet, einen Kontrahenten zu demütigen, ohne ihn physisch nachhaltig zu beschädigen. Selbstverständlich könnte eine solche Erniedrigung auch bloß durch Worte erreicht werden. Jedoch ist hier der körperliche Aspekt (nebst dem klatschenden Geräusch) der ganz besondere Kick.

Information

Pratermuseum
1020 Wien, Oswald-Thomas-Platz 1
(Planetarium beim Riesenrad)
Fr bis So und Feiertag 10–13 und 14–18 Uhr
Tel. 01/726 76 83
www.wienmuseum.at

In Wien konnte man seinen aufgestauten Grimm jahrzehntelang ungestraft in Form einer schallenden Ohrfeige ("Watsche") abreagieren. Ungefähr ab 1890 gab es im Wurstelprater lebensgroße Puppen, die dort in erklecklicher Anzahl im Umfeld von Schießstätten und sonstigen Buden positioniert waren. Wie überliefert ist, handelte es sich bei der Urform des Watschenmannes um die Figur eines hässlichen Türken. Spottfiguren auf die Osmanen waren in Wien nach der Zweiten Türkenbelagerung von 1683 lange Zeit beliebt; sie sind in nicht geringer Quantität heute noch im Wiener Volkskundemuseum erhalten und zur Schau gestellt.

Wiener Kinderwatschenmänner

Während spätere Watschenmänner durchwegs stehend präsentiert wurden, gab es anfänglich auch Exemplare, die sitzend auf ihre Kundschaft warteten. Das in der Regel ballonartige Gesicht bestand zumeist aus Leder, welches einerseits die aufklatschende Hand schonte, andererseits aber auch ein entsprechendes Geräusch ermöglichte.

Verbunden waren die Watschenmänner jeweils mit einem oberhalb vom Kopf montierten Gerät, welches die Intensität der Watschen anzeigte. Bei dem hier abgebildeten Objekt konnten Ohrfeigen bis zu einer Wucht von 200 Kilogramm ermittelt werden.

Erste Kraftmesser sind bereits für die Zeit um 1820 dokumentiert. Ab 1880 wurden Kraftmesser durch Münzeinwurf in Betrieb genommen. Im Falle der Wiener Prater-Watschenmänner kostete eine Ohrfeige zu Kaisers Zeiten drei Kreuzer.

Neben dem Watschenmann sorgte im Wiener Prater einst auch die mit einem Dirndl adjustierte "Watschenfrau", die einen Teppichklopfer in der Hand hatte, für Erlustigung. Und der "Watschenaffe" quittierte jede Ohrfeige mit einem sonderbaren Brummen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Prater der "Watschenneger" aufgestellt. Amerikanische Besatzungssoldaten stellten diesen Unfug aber rasch ab. In den 1950er Jahren kam dann der Kinderwatschenmann auf, um auch jüngeren Semestern ein Abreagieren zu ermöglichen.

Während andere Formen nur temporäre Erscheinungen waren, hielt sich der klassische Watschenmann am Längsten. Als in den 1960er- und 1970er-Jahren der Wohlstand stetig zunahm, verschwand der Watschenmann aus dem Prater. Wohlstandsbedingt hatten die Wiener andere Möglichkeiten gefunden, um ihren Frust zu sublimieren.

In der Sprache feiert der Watschenmann bis heute fröhliche Urständ’. Vor allem als Zeitungsschlagzeile – bemerkenswerterweise auch in Deutschland.


Print-Artikel erschienen am 14. Jänner 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-08 18:35:07
Letzte ─nderung am 2017-03-20 21:19:11



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Kind der Liebe
  2. Der neue Augustin
  3. "Eigentlich kannst du nur versagen!"
  4. Und alle (Kinder) singen mit!
  5. Kokette Bescheidenheit aus Venezuela
Meistkommentiert
  1. "Eigentlich kannst du nur versagen!"
  2. Mit Monteverdi in den Mainstream
  3. Berührungsneugier
  4. Ein Wienerlied auf die Politik
  5. Der neue Augustin

Werbung




Regisseur Wolfgang Murnberger (l.) mit Josef Hader ("Wilde Maus") und Schauspieler-Kollegin Pia Hierzegger.

Mary Wollstonecraft (1759 - 1797) gilt als die erste Feministin Englands. Das bekannteste Werk der Schriftstellerin, Übersetzerin und Philosophin, "A vindication of the rights of woman" ("Verteidigung der Rechte der Frau") tritt für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Barry Jenkins Film "Moonlight" gewann den Oscar für den besten Film. Zuvor wurde irrtümlich "La La Land" gekürt.

Hugh Jackman winkt am Roten Teppich. Jean-Honoré Fragonard, Das Mädchen mit dem Murmeltier, 1780er Jahre.

Werbung



Werbung