• vom 03.03.2016, 00:15 Uhr

Museum

Update: 24.05.2017, 03:43 Uhr

Museumsstücke

Die Renaissance der Fastentücher in Wien




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Von Johann Werfring

  • Die Kirchenverantwortlichen des Stephansdoms haben sich im vergangenen Jahrzehnt zunehmend als Förderer von moderner Kunst erwiesen.

Fastentuch "Collective Heart" von Eva Petric im Wiener Stephansdom.

Fastentuch "Collective Heart" von Eva Petric im Wiener Stephansdom.© Johann Werfring Fastentuch "Collective Heart" von Eva Petric im Wiener Stephansdom.© Johann Werfring

Eine mehr als tausendjährige Tradition haben in Europa die sogenannten Fasten- oder Hungertücher. Verwendung fanden diese Verhüllungstücher in der Passionszeit, wobei der Zeitpunkt des Aufhängens nicht einheitlich gewesen ist. In den meisten Fällen wählte man als Zeitpunkt für das Aufhängen den Aschermittwoch oder den ersten Fastensonntag. Die Abnahme erfolgte jedenfalls vor dem Ostersonntag, aber auch hier gab es von Ort zu Ort unterschiedliche Gepflogenheiten.

Bevorzugter Abnahmetag war in so manchen Gegenden der Karsamstag, aber auch der Mittwoch in der Karwoche wurde vielerorts bevorzugt. Einem Bericht aus dem Hochstift Basel zufolge erfolgte die Enthüllung an einem solchen Mittwoch exakt zu jenem Zeitpunkt, als in der Kirche aus der Leidensgeschichte die folgende Stelle verlesen wurde: "(. . .) und der Vorhang riss mitten entzwei von oben bis unten; und die Erde bebt und die Felsen spalteten sich, und die Gräber öffneten sich" (Matthäus 27,50–52). Nach diesen Worten fiel der Vorgang, mithin prasselte das Fastentuch mit Getöse herab und symbolisierte solcherart das Erdbeben, welches im Augenblick des Todes Jesu stattgefunden haben soll.

Information

Stephansdom
1010 Wien, Stephansplatz
Freier Zutritt für Messbesucher bei Gottesdiensten, ansonsten Eintrittsgebühr im Rahmen musealer Besichtigung
bis 26. März 2016
www.st.stephan.at

Fasten mit den Augen

In früheren Zeiten verhüllte das Fasten- respektive Hungertuch noch den ganzen Altarraum. Infolge dieser Verhüllung konnten die Gläubigen während der Messe das am Altar vollzogene Mysterium visuell nicht mitvollziehen. Insofern bezog sich das im Terminus steckende "Fasten" respektive "Hungern" auf den Verzicht des Schauens bei der Feier am Altar. Später verhüllten Fastentücher nicht mehr den ganzen Altarraum, sondern lediglich das Altarbild und sonstige Gegenstände.

Einen gewaltigen Rückschlag hatte die Fastentuchtradition erlitten, nachdem Martin Luther Bräuche der Passionszeit wie Hungertuch und Palmenschießen als "Gaukelwerk" abgetan hatte. Insofern gerieten Fastentücher dort, wo sich die Reformation durchgesetzt hatte, zusehends in Vergessenheit, während in Gebieten, wo die Gegenreformation erfolgreich war, das Fastentuch ganz gezielt als Zeichen altgläubiger Frömmigkeit ins Blickfeld gerückt wurde.

Im katholischen Österreich bekämpfte Kaiser Joseph II. mit seinen Verboten die Fastentücher ebenso wie Krippen, Heilige Gräber, fromme Spiele und diverse religiöse Umzüge. Alles in allem wurde das Fastentuch fast überall im Zuge der Aufklärung zurückgedrängt.

Im vergangenen Jahrzehnt erfuhr der Brauch des Fastentuchaufziehens österreichweit eine wundersame Renaissance. Auch in Wiener Kirchen konnten zuletzt aufwendig gestaltete Fastentücher bewundert werden. Im Stephansdom, wo moderne Kunst in besonderer Weise geschätzt wird, hängt heuer ein 5 x 11 Meter großes Fastentuch der in Wien, Ljubljana und New York tätigen Künstlerin Eva Petric mit dem Werktitel "Collective Heart".

Zusammengesetzt ist dieses Fastentuch aus tausenden Häkeldeckchen, welche die Künstlerin weltweit auf Flohmärkten erstanden oder geschenkt bekommen hat. Jene Deckchen, die die Aorta bilden, stammen aus dem slowenischen Ort Idrija, wo eine Frau bis zu ihrem 80. Lebensjahr den Lebensunterhalt ihrer fünfköpfigen Familie durch den Verkauf der Handarbeiten gesichert hat. Laut Eva Petric verknüpfen die Häkelarbeiten und Spitzen in tausenden Knoten Erinnerungen, Wünsche sowie Verbindungen und symbolisieren so die generationenübergreifenden Bindungen, die zwischen Menschen bestehen.

Print-Artikel erschienen am 4. März 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2016-02-26 17:11:07
Letzte nderung am 2017-05-24 03:43:47



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