• vom 28.07.2016, 00:00 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:16 Uhr

Museumsstücke

Wurde Goethes letzter Schluck verpatzt?




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Von Johann Werfring

  • Ergötzliche Cartoons zum Thema "Literatur" verhelfen in der Sonderausstellung der Wiener Galerie der komischen Künste zum Schmunzeln.

Burkh: Goethe politically correct.

Burkh: Goethe politically correct.© Galerie der komischen Künste Burkh: Goethe politically correct.© Galerie der komischen Künste

Herrliche Assoziationen vermag Burkh alias Burkhard Fritsche mit seinem Cartoon "Goethe politically correct" zu erwecken. Sogleich ist man angespornt, berühmte letzte Worte von anderen Kapazundern der Weltgeschichte auf seine politische Korrektheit hin abzuklopfen.

Dem in Wien dahingeschiedenen Komponisten Ludwig van Beethoven werden bekanntlich folgende letzte Worte nachgesagt: "Applaus, Freunde, die Komödie ist vorüber!" In diesem Falle wären – der Burkh’schen Logik folgend – in die cartoonistische Sprechblase die (gegenderten) letzten Worte "Applaus, FreundInnen, die Komödie ist vorüber!" einzutragen. Mit einer Fußnote wäre hier noch hinzuzufügen, dass es sich um eine Übersetzung handelt, weil ja der begnadete Musikus seine letzten Worte angeblich in lateinischer Sprache kundgetan hat.

Information

Literarische Cartoons
Galerie der komischen Künste
MuseumsQuartier/quartier 21
1070 Wien, Museumsplatz 1
Mo bis Fr 10–19 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr
bis 31. August 2016
Tel. 01/890 27 53/70

Was nun die in Burkhs Cartoon neben dem Bett befindliche Frau betrifft, sei angemerkt, dass im Falle von Johann Wolfgang von Goethes letzten Worten – wie sich das bei einer bedeutenden Person gehört – neben der Hauptversion eine weitere Version überliefert ist. Die von Goethes Arzt Dr. Carl Vogel bezeugten letzten Worte sind ja weltberühmt: "Mehr Licht!" Sie klingen wie ein letztes Gedicht eines genialen Poeten respektive wie ein letzter erhellender Gedanke eines großen Philosophen, der Goethe zweifelsohne auch gewesen ist. Diese Worte sind legendär, sie gehören mittlerweile zum Allgemeinwissen. Jedoch sind sie nicht einwandfrei belegbar.

Bei der zweiten behaupteten Version richtet Goethe seine letzten Worte an dessen am Sterbebett befindliche Schwiegertochter Ottilie. "Frauenzimmer, gib mir dein Pfötchen", soll er zu ihr gesagt haben, bevor dem unsterblichen Musensohn das Auge brach.


Vinophile letzte Worte

Auch hinsichtlich der letzten Worte Beethovens ist eine zweite Version überliefert. Sie bezieht sich auf den vergorenen Rebensaft. Rund einen Monat vor seinem Ableben schrieb der Komponist an seinen Verleger Schott in Mainz und bat ihn, ihm einige Bouteillen guten alten Rheinweins zu übersenden, den ihm sein Arzt verordnet habe. Zweimal wiederholte Beethoven brieflich seine Bitte, weil ihm der Transfer des gesundheitsverheißenden Weins in seinem kritischen Zustand zu langsam vonstatten ging. Schott, der sich um den kranken Musiker sorgte, hatte seinerseits eine Zwischenerledigung übermittelt, mit der er die Eilsendung, beinhaltend etliche Flaschen 1806er Rüdesheimer Bergwein, ankündigte. Angeblich wurde Beethoven der Wein exakt an seinem Sterbetag zugestellt. Als ihm der sehnlich erwartete rheinische Wein ins Zimmer gebracht wurde, soll ihn der moribunde Musiker ermattet angeblickt und geseufzt haben: "Schade, schade, zu spät!"

Ebenso wie Ludwig van Beethoven ist Johann Wolfang von Goethe ein Schätzer des Rebensaftes gewesen. Wie vielfach bezeugt ist, verschaffte das Gewächs des Rebstocks dem Dichterfürsten sein ganzes Erwachsenenleben hindurch erkleckliche Erquickung und Inspiration. Wen wundert es also, dass auch eine vinophile Version von Goethes letzten Worten vorhanden ist: "Du hast mir doch keinen Zucker in den Wein gethan?", soll er seinen Diener gefragt haben, ehe er verschied.

Ebenso mit dem Diener steht schließlich eine vierte Version Goethe’scher letzter Worte im Zusammenhang: Jener versicherte, der Dichter habe nicht nach "mehr Licht" verlangt, sondern nach dem "Botschanper", mithin nach dem "Pot de chambre", was mit Nachttopf zu übersetzen ist . . .

Print-Artikel erschienen am 28. Juli 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-25 12:11:05
Letzte ─nderung am 2017-03-20 21:16:07



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