• vom 07.12.2016, 00:00 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:14 Uhr

Museumsstücke

Autoaustriakische Großmannssucht




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Von Johann Werfring

  • 130 Jahre nach Fertigstellung des Benz-Patent-Motorwagens (1886) präsentiert das Karikaturmuseum Krems eine ergötzliche Automobil-Ausstellung.

Jean Veenenbos: Typisch! Ein Österreicher, 1995, Landessammlungen Niederösterreich.

Jean Veenenbos: Typisch! Ein Österreicher, 1995, Landessammlungen Niederösterreich.© Olga Veenenbos, 2016 Jean Veenenbos: Typisch! Ein Österreicher, 1995, Landessammlungen Niederösterreich.© Olga Veenenbos, 2016

Das Jahr 1886, in dem der deutsche Erfinder Carl Benz seinen Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1 vorgestellt hat, gilt gemeinhin als Geburtsjahr des Automobils. Dies, obwohl schon zuvor findige Konstrukteure, darunter der österreichische Erfinder Siegfried Marcus, mehr oder weniger erfolgreiche Versuche mit motorisierten Gefährten gemacht hatten. Festzuhalten ist, dass das Automobil keine Einzelerfindung ist, weil diverse Geister diverse Komponenten wie Vergaser, Zündung und dergleichen ersonnen und weiterentwickelt hatten. Da es sich bei dem erwähnten Motorwagen von Benz um den ersten praxistauglichen Kraftwagen handelte, kam es schließlich zur Festlegung auf das erwähnte Geburtsjahr, auf welches sich die aktuelle Jubiläumsausstellung im Karikaturmuseum Krems bezieht.

In der Schau sind mehr als 50 Arbeiten namhafter Künstler zu sehen, darunter die Werke des langjährigen "Wiener Zeitung"-Karikaturisten Wolfgang Ammer oder jene von Gerhard Haderer, Gustav Peichl (Ironimus), Erich Sokol und Markus Szyszkowitz. Die Palette der Themen ist breit gefächert und der abgedeckte Zeitraum repräsentiert einen weit reichenden Ausschnitt aus der Geschichte des Automobils bis herauf zur Gegenwart.

Information

Kult auf 4 Rädern
Das Auto im Comic und in der Karikatur

Karikaturmuseum Krems
3500 Krems-Stein, Steiner Landstraße 3a
Täglich 10–17 Uhr, noch bis 15. Jänner 2017
Tel. 02732/90 80 20

Das hier abgedruckte Werk von Jean Veenenbos (1932–2005), seinerzeit Karikaturist bei der Tageszeitung "Der Standard" und bei den Magazinen "profil" sowie "trend", bezieht sich auf den EU-Beitritt Österreichs am 1. Jänner 1995 und hat in dieser Hinsicht eine spezielle, politisch intendierte Lesart. Über diese besondere Betrachtungsweise hinaus erweckt die Darstellung, bezogen auf die Österreicher und ihre Autos, noch weitere Assoziationen.

Die Ära der Nummerntafel-Adeligen

Heutzutage trägt das Automobil – vielleicht auch infolge eines zunehmenden Umweltbewusstseins – hierzulande nicht mehr in dem Maße zum Image einer Person bei wie ehedem. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hingegen wurde mit dem Auto jahrzehntelang nicht nur der Wohlstand, sondern auch der gesellschaftliche Stellenwert zur Schau gestellt. Zum Teil wenigstens. Dies erfolgte durch den Erwerb von drei- bis vierstelligen Nummerntafeln. Es war zu jener Zeit in austriakischen Gefilden sogar von einem "Nummerntafel-Adel" die Rede gewesen.

Hohe Staatsbeamte und Landesbeamte sowie Würdenträger erhielten für ihre Dienstfahrzeuge von den Behörden automatisch Autokennzeichen mit den niedrigsten (ein- bis zweistelligen) Nummern zugewiesen. Für die Zuweisung von dreistelligen Nummerntafeln, die damals in Österreich noch schwarz gewesen sind, musste man entsprechende Beziehungen haben respektive (dem Vernehmen nach) ein erkleckliches Sümmchen auf den Tisch legen.

In Eisenstadt, wo ich in den 1970er Jahren die Oberstufe einer allgemeinbildenden höheren Schule besucht habe, ist es sogar einem meiner Gymnasiallehrer gelungen, zum Nummerntafel-Adel aufzurücken. Dass der Bischof einen Jaguar fuhr und eine niedrige Autonummer hatte, regte damals niemand auf, man nahm es einfach hin. Ebenso war zu beobachten, wie der Landeshauptmann und weitere burgenländische Nummerntafel-Adelige mit extrem überhöhter Geschwindigkeit durchs Land kutschiert wurden, ohne im Geringsten dafür von der Gendarmerie belangt zu werden.

Seit der Umstellung auf weiße Auto-Kennzeichen im Jahr 1990 ist es mit der beschriebenen Protzigkeit vorbei. Großmannssüchtige müssen sich seither mit subtileren Mitteln ihre Audrucksformen schaffen.

Print-Artikel erschienen am 7. Dezember 2016
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-02 17:05:07
Letzte ─nderung am 2017-03-20 21:14:13



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