• vom 19.01.2017, 00:00 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:12 Uhr

Museumsstücke

Erdrandbewohner am Wiener Schillerplatz




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Von Johann Werfring

  • Eine Reihe von wunderseltsamen Gestalten ist in der Akademie der bildenden Künste rund um Hieronymus Boschs Wiener Weltgericht gruppiert.

Detlef Kelbassa: Skiapode oder Schattenfüßler, Keramik, grob schamottierter Ton, um 2010 (l.). Schattenfüßler in der Schedel’schen Weltchronik, Erstausgabe, Nürnberg 1493 (r.). - © Akademie der bildenden Künste Wien

Detlef Kelbassa: Skiapode oder Schattenfüßler, Keramik, grob schamottierter Ton, um 2010 (l.). Schattenfüßler in der Schedel’schen Weltchronik, Erstausgabe, Nürnberg 1493 (r.). © Akademie der bildenden Künste Wien

Wenige zweifelten daran, für viele hingegen war es Gewissheit: Die Schattenfüßler (Skiapoden), zugehörig einer fernab der bekannten Zivilisation lebenden Spezies, verfügten über herausragende Fähigkeiten. Obwohl sie nur einen Fuß hatten, konnten sie sich rasant fortbewegen. In den überlieferten Bildzeugnissen scheint noch eine weitere Eigenschaft der Einbeinigen auf: Der elefantöse Fuß konnte nämlich auch bestens als eine Art Sonnenschirm verwendet werden. Nach den Illustrationen zu urteilen, dürfte dies überhaupt die wesentliche Funktion des Riesenfußes gewesen sein. Dass dieser in der dargestellten Position nicht nur bei Schönwetter hervorragende Dienste leistete, sondern darüber hinaus auch bei Regen einen passablen Unterstand bot, versteht sich gewissermaßen von selbst.

Information

Natur auf Abwegen?
Mischwesen, Gnome und Monster (nicht nur) bei Hieronymus Bosch

Akademie der bildenden Künste Wien
1010 Wien, Schillerplatz 3
Di bis So und Feiertag 10–18 Uhr
Noch bis 29. Jänner 2017
Tel. 01/588 16-2222

Schon etliche Jahrhunderte vor Christi Geburt gab es Berichte über wunderseltsame Kreaturen, die im Bereich von Indien sowie in weiteren entfernten Regionen verortet wurden. Gemeinsam mit den Schattenfüßlern wurden etwa auch die Rückwärtsfüßler (Antipoden), deren Füße nach rückwärts gerichtet gewesen sein sollen, ins Treffen geführt. Auch die Existenz von Menschen mit Hundeköpfen wurde für wahr gehalten. Zu den Wundervölkern zählte man unter anderem auch die Großohrigen, die Großlipper, die Nasenlosen, die Kopflosen, deren Augen sich auf den Schultern befanden, sowie Kleinwüchsige und Giganten. Was die oben erwähnten Schattenfüßler anbelangt, so sollen diese laut uralten Berichten unweit der Troglodyten gewohnt haben.

Nachdem sich schon namhafte römische Schriftsteller, etwa Plinius der Ältere (ca. 23 bis 79 n. Chr.), mit Wundervölkern auseinandergesetzt hatten, griffen später auch bedeutende christliche Autoren das Thema auf. Die Kenntnis der erwähnten Wesen wurde dem nachantiken Abendland vor allem durch den Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) vermittelt.

Stammen Schattenfüßler von Adam ab?

Augustinus setzte sich unter anderem mit der theologischen Frage auseinander, ob Wesen wie Schattenfüßler von Adam abstammen und damit Geschöpfe Gottes sind. Scharfsinnig analysierte er im Rahmen seines Weltbildes: "Entweder ist an alledem, was von gewissen Völkern berichtet wird, überhaupt nichts Wahres, oder wenn doch, so sind es keine Menschen, oder aber, wenn es Menschen sind, dann stammen sie auch von Adam ab."

Bildkünstlerische Darstellungen von Vertretern der behaupteten Wundervölker hat es schon in der Antike gegeben. Offenbar gehen so manche Bildnisse des Mittelalters und der frühen Neuzeit auf antike Vorbilder zurück. Insofern könnte auch die hier abgebildete Skiapoden-Skulptur von Detlef Kelbassa bereits einer vorchristlichen Bildtradition verhaftet sein.

Print-Artikel erschienen am 19. Jänner 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-16 11:44:05
Letzte ─nderung am 2017-03-20 21:12:46



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