• vom 23.02.2017, 00:00 Uhr

Museum

Update: 20.03.2017, 21:11 Uhr

Museumsstücke

Nichts Menschliches sei Menschen fremd




  • Artikel
  • Lesenswert (22)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Johann Werfring

  • Der 1784 unter Joseph II. errichtete Narrenturm, im Volksmund "Kaiser Josephs Gugelhupf" genannt, beherbergt eine bemerkenswerte Sammlung.

Moulagen von Haut- und Geschlechtskrankheiten im Wiener Narrenturm. - © Johann Werfring

Moulagen von Haut- und Geschlechtskrankheiten im Wiener Narrenturm. © Johann Werfring

Es mag rund 20 Jahre her sein, als in öffentlichen Wiener Verkehrsmitteln des Öfteren ein junger Mann mit stark deformiertem Gesicht unterwegs war und die Leute verschreckte. Wie ich in Erfahrung gebrachte hatte, war er in einer betreuten Wohngemeinschaft untergebracht gewesen. Der Mann wusste aus dem Umstand, dass die Umwelt wegen seines Äußeren teils panisch reagierte, Kapital zu schlagen: Es war seine Strategie, in Straßen- und U-Bahnen möglichst nah an andere Fahrgäste heranzurücken. Diese gaben ihm dann bereitwillig Geld, damit er rasch von ihnen abrücken möge. Wenn er mit dem "42er" von der Volksoper zum Schottentor fuhr, hatte er solcherart hurtig ein hübsches Sümmchen erwirtschaftet.

Information

Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm-NHM
1090 Wien, Spitalgasse 2, Uni-Campus Hof 6
Mi 10-18 Uhr, Do 10–13 Uhr, Sa 10–13 Uhr,
Führungen auf Anfrage
Tel. 01/521 77 606
www.nhm-wien.ac.at

"Der Schiache", wie er genannt wurde, hatte eine leichte Verhaltensstörung, war aber ansonsten völlig harmlos. Der Umstand, dass Leute wie er im Straßenbild heutzutage äußerst selten sind, sorgte bei einem Kontakt mit ihm häufig für beträchtliche Verunsicherung.

Reaktionen der Passanten

Ein Rundgang durch die Pathologisch-anatomische Sammlung im Wiener Narrenturm macht rasch klar, dass viele aus heutiger Sicht ungewöhnlich anmutende Krankheitsbilder respektive Erscheinungsformen bis zur ausgehenden Habsburgermonarchie im öffentlichen Raum nicht selten wahrzunehmen gewesen sind. Die Reaktionen der Passanten mögen zu jener Zeit mithin keineswegs derart phobisch gewesen sein, wie das heute der Fall ist.

Syphilitische Entzündung der Augenlider, Moulage im Narrenturm.

Syphilitische Entzündung der Augenlider, Moulage im Narrenturm.© Johann Werfring Syphilitische Entzündung der Augenlider, Moulage im Narrenturm.© Johann Werfring

Moulagen, wie die hier abgebildeten, sind im Wiener Narrenturm in großer Anzahl vorhanden. Sie dienten seinerzeit der Dokumentation medizinischer Fälle und fungierten unter anderem als Anschauungsmaterial für Mediziner, die in Ausbildung standen. Viele Krankheiten, die mit heutigen medizinischen Mitteln bereits im Primärstadium erfolgreich behandelt werden und wieder abklingen, entwickelten sich anno dazumal in ein sekundäres und tertiäres Stadium weiter und zeitigten Erscheinungsformen, wie sie anhand der Moulagen dargestellt sind.

Eine gehäufte Anzahl an derartigen Objekten im Narrenturm stellt das Krankheitsbild der Syphilis dar. Gelangte diese in ein fortgeschrittenes Stadium, so stellte dies für die Betroffenen auch ein erhebliches Stigma dar, zumal die "Franzosenkrankheit" an allen möglichen Körperstellen, unter anderem auch im Gesicht – etwa an der Nase oder an den Augenlidern – ansichtig wurde. Bei jedem neuen Sexualkontakt musste mit Ansteckung gerechnet werden. Jahrhundertelang war man dieser heimtückischen Krankheit ausgeliefert. Der seinerzeit hartnäckig verbreitete Glaube, dass Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau Heilung brächte, mag in manchen Fällen für die "Opfer" verhängnisvoll gewesen sein . . .

Print-Artikel erschienen am 23. Februar 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-20 19:54:07
Letzte ─nderung am 2017-03-20 21:11:27



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Lügen haben lange Nasen
  2. Don, der Gynäkologe
  3. Frühling mitten im Herbst
  4. Auf Worte folgen Taten
  5. Mit Sprengstoff und der Präzision einer Schweizer Uhr
Meistkommentiert
  1. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
  2. Gipfelanalysen
  3. Zwischen Schönklang und Rebellion

Werbung




CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung