• vom 20.04.2017, 00:00 Uhr

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Das Riesenrad als Riesen-Schießscheibe




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Von Johann Werfring

  • Liselotte Lang, Angehörige einer traditionellen Prater-Dynastie, erinnert sich an die traurigste Zeit des Wiener Vergnügungs-Refugiums.

Historische Aufnahme von der Tristesse im Wiener Prater nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 und Zeitzeugin Liselotte Lang (r.) sowie ihre Tochter Silvia Lang, Praterunternehmerin sowie Vizepräsidentin des Wiener Praterverbandes (l.). - © Wien Museum, Johann Werfring

Historische Aufnahme von der Tristesse im Wiener Prater nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 und Zeitzeugin Liselotte Lang (r.) sowie ihre Tochter Silvia Lang, Praterunternehmerin sowie Vizepräsidentin des Wiener Praterverbandes (l.). © Wien Museum, Johann Werfring

Wenn Liselotte Lang von ihrer Kindheit und Jugend erzählt, tut sich vor dem geistigen Auge ihrer Zuhörer ein bewegendes Szenario auf. Am 1. Oktober 1927 wurde sie als Tochter von Karl Schaaf und dessen Ehefrau Helene (geborene Kobelkoff) in eine Familie hineingeboren, die im Wiener Prater bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts unternehmerisch tätig gewesen war. Sie selbst war schon sehr früh ins betriebliche Geschehen eingebunden und hat noch vor zwei Jahren – 87-jährig – im Unternehmen der Tochter mitgearbeitet. Bereits als achtjähriges Mädchen habe sie selbstständig ein Kinderringelspiel betreut, und im Laufe ihres Lebens war sie dann in zahlreichen Vergnügungsbuden des Praters tätig gewesen.

Eine extrem intensive Phase durchlebte Liselotte Lang im Prater zur Zeit des ausgehenden Zweiten Weltkrieges. In den letzten Tagen des Kampfes um Wien hatten sich Formationen der deutschen Wehrmacht vor den nachdrängenden sowjetischen Einheiten in den Zweiten Wiener Gemeindebezirk zurückgezogen, und so verlagerte sich das Kampfgeschehen auch in den Bereich des Praters. Als 18-Jährige, so Liselotte Lang, habe sie damals das Inferno im Prater hautnah miterlebt. Während andere das Weite gesucht hatten, war sie mit ihrer Familie vor Ort geblieben.

Noch heute erinnert sich die knapp 90-Jährige lebhaft an jene Ereignisse, als hätten sie erst kürzlich stattgefunden. Deutsche Soldaten schossen vor ihrem Rückzug auf die Praterbuden, um den Sowjets keine Deckung zu bieten. Letztere rückten mit geballter Feuergewalt voran.

"Am 8. April 1945 haben die Brände begonnen", sagt Liselotte Lang. Vom Wetter her sei es ein wunderschöner Tag gewesen, als sie plötzlich Tiefflieger wahrnahm. Mitten im Prater stand das Lokal Zur goldenen Rose. "Dort gab es einen Einschlag, und es hat sofort geknistert", so Lang. Weil es im Prater kaum Keller gab, nahm sie, so wie viele andere, Zuflucht in dem im Zweiten Rondeau befindlichen Splittergraben. Dort erlebte sie das Zischen der Stalinorgeln und nahm die heranbrausenden Flugzeuge mit ihren Bordwaffen wahr. "Es war schlimm und kaum auszuhalten", erinnert sie sich. Besonders eingeprägt hat sich ihr das Bild von jenen Tieffliegern, deren Piloten – zu ihrem Gaudium – auf die Gondeln des Riesenrades feuerten.

Im Wiener Pratermuseum finden sich heute Fotografien, welche die Tristesse nach den Kampfhandlungen veranschaulichen. Mit der Erlustigung im Prater war es für’s Erste vorbei. "Bis auf wenige Ersparnisse hatten wir alles verloren", sagt Liselotte Lang. Im April 1946 knüpfte die Familie schließlich an die unternehmerische Tätigkeit an. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, Eduard Lang, brachte sie es später auf 11 Praterbetriebe. Letzterer wurde 1997 posthum mit dem Eduard-Lang-Weg geehrt.

Pratermuseum
1020 Wien, Oswald-Thomas-Platz 1
(Eingang: Planetarium beim Riesenrad)
Fr bis So und Feiertag 10–13 Uhr und 14–18 Uhr
Tel. 01/726 76 83

Print-Artikel erschienen am 20. April 2017
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-14 13:57:05
Letzte nderung am 2017-04-19 20:47:49



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