Wien.

Alte Volkslieder, in denen sich eine versunkene Lebenswelt spiegelt, mündlich weitergereicht von Generation zu Generation, irgendwann aufgezeichnet, vergessen, verschüttet und eines Tages wiederentdeckt - das ist ein Terrain, auf dem Kummer sich zu Hause fühlt. Repräsentationsmusik hingegen war nie seine Sache, und einem übersteigerten musikalischen Perfektionismus, der nichts als sterile Kunstprodukte hervorbringt, ging er stets aus dem Weg.
Gesang ist für ihn nicht abgehobene Artistik, sondern elementarer, unmittelbarer Ausdruck des Menschseins. "Canto ergo sum", "ich singe, also bin ich", ist für ihn längst zum Leitspruch und Lebensmotto geworden. Anknüpfend an Traditionen, die bedeutend älter sind als der moderne Musikbetrieb, hat die oft zitierte Unterscheidung zwischen "E" und "U", zwischen Kunstmusik und Gebrauchsmusik, für seine musikalische Praxis keine Bedeutung.
Vom Nibelungenlied bis zum Handwerkerlied
Kummers Spektrum als Sänger ist denkbar breit; es reicht von der Zwölftonmusik eines Josef Matthias Hauer bis hin zu Altwiener Handwerkerliedern, von Horaz bis zum Bänkelgesang, vom Nibelungenlied, das er wiederholt in voller Länge an mehreren Abenden hintereinander vorgetragen hat, bis hin zu Oswald von Wolkenstein, dessen Werk ihn seit langem intensiv beschäftigt. Eine Gesamteinspielung aller einstimmigen Oswald-Lieder mit ihm als Interpreten ist vom ORF schon seit geraumer Zeit angekündigt, leider aber noch nicht erschienen.
Als Interpret mittelalterlicher Musik, die in den letzten Jahren zu seinem hauptsächlichen Arbeitsgebiet wurde, bemüht sich der Sänger, der sich zumeist auf der Drehleier oder auf einer Harfe begleitet, um größtmögliche Authentizität und betreibt daher intensives Text- und Quellenstudium.
Neues CD-Projekt über Ulrich von Liechtenstein
Bei Mittelalterforschern aller Disziplinen hoch geschätzt, pflegt er besonders zur germanistischen Mediävistik enge und gute Kontakte. Zusammen mit dem Grazer Altgermanisten Wernfried Hofmeister etwa wagte er sich vor fünf Jahren an die Ersteinspielung sämtlicher mit Originalmelodie überlieferter Lieder des spätmittelalterlichen Dichters Hugo von Montfort. Sie erschien in der ORF-Edition Alte Musik und wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen.
Nun haben der Philologe und der Kitharode, mit der nötigen Rückendeckung durch die Universität Graz, unter dem Titel "daz herze mîn ist minne wunt" ein weiteres gemeinsames CD-Projekt realisiert, ein Album mit zehn ausgewählten Liedern des steirischen Minnesängers Ulrich von Liechtenstein. Es wurde vor kurzem auf Ö1, in der Sendung "Apropos Musik", präsentiert. Der Gestalter dieser Sendung, Johannes Leopold Mayer, hatte dabei die glückliche Idee, der authentisch mittelalterlichen Interpretation des Mailiedes "In dem walde süeze döne" durch Eberhard Kummer, wie sie auf der neuen CD-Produktion zu hören ist, die Vertonung durch Mendelssohn-Bartholdy unmittelbar gegenüberzustellen.
Um 1830, als diese kleine Komposition für Sopran und Hammerklavier entstand, war Ulrich von Liechtenstein soeben durch die deutsche Romantik wiederentdeckt worden. Zunächst gefeiert als mittelalterliches Originalgenie, später als Epigone verharmlost, steht er bis heute im Schatten seines populären Zeitgenossen Walther von der Vogelweide.
Zwar haben schon in der Vergangenheit Ensembles alter Musik wie "Dulamans Vröudenton" einzelne Lieder des Steirers eingespielt, niemand aber hat es bisher unternommen, ihm ein eigenes Album zu widmen. Die vorliegende Produktion "daz herze mîn ist minne wunt" schließt somit eine Lücke, und Eberhard Kummers Interpretation macht verständlich, was der Romantiker und Schriftsteller Ludwig Tieck meinte, als er von den "klaren und jugendlichen Liedern" Ulrichs von Liechtenstein sprach.
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