
Wien. Ein menschlicher Köper befindet sich in einem permanenten Zustand der Veränderung. Man muss den Mut finden, dies zu zeigen, indem man in einer nicht vorhersehbaren Weise malt.
Sieben Monate lang, zwei bis drei Mal pro Woche, stets im selben Jackett und immer einen blauen Schal um den Hals: So saß der britische Kunstkritiker und Autor Martin Gayford im Jahr 2004 dem 2011 verstorbenen Maler Lucian Freud Modell. "Vor der Sitzung, immer zur gleichen Zeit, nahmen wir einen Drink zusammen er zumeist Tee, ich ein Glas Wein. Er war immer gut aufgelegt. Sein Modell wollte er in so vielen Stimmungen wie möglich wahrnehmen. Er wollte das Subjekt genau beobachten, um es in seiner Ganzheit zeigen zu können", berichtete Gayford am Dienstagabend im Rahmen einer von Jasper Sharp kuratierten Gesprächsreihe zu zeitgenössischer Kunst im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien.
Lucian Freud, Enkel von Sigmund Freud, war einer der bedeutendsten zeitgenössischen britischen Maler. Seine Porträts und Aktmalerei gestaltete er ab 1952 in einem konsequent realistischen Stil. Für seine Bilder, die sich durch ihren Detailreichtum kennzeichnen, arbeitete er stets mit Modellen. Seine Erfahrungen fasste Gayford in einem Tagebuch zusammen, "Mann mit blauem Schal" (Piet Meyer Verlag), das er in Wien präsentierte. Freud liebte demnach, was er die "Farben des Lebens" nannte Hafer, Ecru, Töne von Ocker, Rostrot oder Braun und hasste "schöne Farben". Eines Tages soll er zu Gayford gesagt haben: "Ich werde wunderlich ich kann diesen blauen Schal nicht malen", und sich stattdessen auf den dunklen Hintergrund gestürzt haben. Als der Porträtierte wieder zu Hause eintraf, bemerkte er, dass er den falschen von zwei königsblauen Schals umgehabt hatte, die er besaß und deren Farben er selbst nur unterscheiden konnte, wenn er sie nebeneinander legte.
Acht Jahre lang waren die beiden befreundet, bevor Gayford sich getraute, zu fragen, ob er Modell sitzen dürfe: "Für den Fall, dass Sie denken könnten, dass ich ein interessantes Subjekt sein könnte, würde ich die Zeit dafür finden." "Was machen Sie nächsten Dienstag?", war die Antwort des Malers. Es war ein Ausflug ins Ungewisse, der jederzeit abgebrochen werden konnte. Wenn Freud bemerkte, dass ihm ein Bild nicht gelang, stieg er nicht selten mit dem Fuß durch die Leinwand. Auch malte er nicht, was sich der Porträtierte wünschte. So soll sich Brigadier Parker-Bowles einmal darüber geäußert haben, sein Bauch sei zu dick dargestellt. Freuds Antwort war, den Bauch zu betonen.
Zu seinen berühmtesten Porträts zählt "Benefit Supervisor Resting" von einer Frau, deren Figur nicht den üblichen Maßen entspricht. Auf die Frage, was er sich dabei gedacht habe, antwortete er: "Ich dachte an die Anatomie des Individuums." Seine Arbeiten sind 2013 im KHM zu sehen.
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