Mit einer nahezu drei Jahrzehnte umfassenden Gesamtschau würdigt das Österreichische Filmmuseum einen Künstler, der zu den herausragenden Persönlichkeiten im europäischen Kino auf dem Sektor Drehbuch und Regie zählt.
Für den Franzosen Olivier Assayas (57) ist das Kino "die Kunst des beständigen Aufbruchs", dem entsprechend verweigert sich sein Werk einer Einordnung in eine Schublade. Das im Kino gern gesehene "typisch Französische", das an Assayas Kino gern betont wird, bricht sich immer wieder an seinem präzisen Blick auf die Gegenwart; die technologischen, ökonomischen, sozialen und psychischen Bedingungen der Globalisierung. Der scheinbar extreme Kontrast zwischen Werken wie "Désordre" (1986) und "demonlover" (2002) oder auch "Irma Vep" (1996) sowie "LHeure dété" (2008) ist ein persönlicher Aspekt seines Schaffens.
Von der Malerei zum Film
Olivier Assayas, 1955 in Paris geboren, stammt aus einer Familie mit ungarischen und italienischen Wurzeln. Sein Vater (mit dem Künstlernamen Jacques Rémy) war ein vielbeschäftigter Drehbuchautor für Film und Fernsehen. Der Weg seines Sohns führte jedoch auf anderen Wegen zum Kino: von der Malerei (seiner "ersten Kunst") über das Eintauchen in Punk- und Popkultur sowie in die Schriften von Guy Debord bis hin zum eigenen Schreiben.
Als Kritiker und Redakteur der legendären Zeitschrift "Cahiers du cinéma" zwischen 1980 und 1985 war er unter anderem für einige legendäre Sonderhefte mitverantwortlich. So demonstrierte er etwa in "Hong-Kong cinéma" (1984) Verständnis für dieses Kino, das weit über die damals üblichen Sichtweisen hinausging. Auch danach blieb Assayas dem Schreiben treu. Er veröffentlichte ein Interviewbuch mit Ingmar Bergman (1990) und eine Kurzmonografie über Kenneth Anger (1998), die sich zusammen mit seinem Film "HHH: Portrait de Hou Hsiao-hsien" (1997) als cinephile Trilogie versteht.

Zwei Bücher zu Person und Werk
2002 verfasste Assayas einen kleinen autobiografischen Band, den das Filmmuseum nun in einer englischen Ausgabe vorlegt: "A Post-May Adolescence", ein zu empfehlender "Begleittext" zu Assayas kommendem Film "Aprés-Mai". Zu Beginn der Filmschau wird auch das von Kent Jones herausgegebene Buch "Olivier Assayas" präsentiert.
Seit "Une nouvelle vie" (1993) werden alle Assayas-Filme als Versuche, die Welt mittels Kino buchstäblich neu zu erfassen, zu berühren, sich ihr "hinzugeben", gesehen. Zugleich reflektiert er darin gern spezifische Filmformen und Kinoepochen. Drei Beispiele: "Les Destinées sentimentales" ("Schicksal der Gefühle", 2000) ist sein historisches Familienepos, "Clean" (2004) sein New-Hollywood-Film, "Carlos" (2010, über den gleichnamigen Terroristen) sein Euro-Polit-Thriller. Diese Werke sind Akte angewandten Selbst(er)findens, Positionsbestimmungen, und somit vorläufig und brüchig - Fluchtbewegungen zu sich selbst. Als Schlüssel zu Assayas Schaffen kann das meisterliche Doppel "LEau froide" (1994) und "Irma Vep" (1996) gesehen werden: Der eine huldigt der Nacht als Zone der Freiheit, der andere dem Kino als Illusionsmaschine, die bei entsprechender Anwendung in die Wirklichkeit führt.
Olivier Assayas kommt nach Wien und wird zum Auftakt seiner Retrospektive auch für Publikumsgespräche zur Verfügung stehen. (as)
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