
Wien.Die Hauptattraktion im Opernhaus zu sein - das gehört eher nicht zum Berufsalltag des Matthias Goerne. Eigentlich ist für den Bariton schon der Opernabend an sich eine Ausnahme. 10 bis 15 bestreitet er pro Jahr, "und das reicht auch", sagt der Weimarer, der vielmehr auf der intimen Bühne des Kunstliedes heimisch ist. Weil die Staatsoper unter Dominique Meyer neuerdings aber auch Schauplatz vereinzelter Liederabende ist, avanciert Goerne nun zum Opernkraftzentrum, ohne seine Domäne verlassen zu müssen.
Reichlich Sitzplätze sind freilich zu füllen - typisch Goerne, dass er dennoch auf ein Blockbuster-Programm verzichtet. Einige Lieder von Gustav Mahler wird es nächsten Mittwoch geben, kombiniert mit Auszügen aus der "Michelangelo-Suite" von Dmitri Schostakowitsch: einem Spätwerk des Russen von 1974, das nahezu unbekannt ist - und sich darum nicht eben verkauft wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Das ist Goerne schon klar. "Natürlich verkauft sich eine Winterreise‘ besser. Aber wenn ich mich danach richten würde, wäre ich auch nicht anders als der Rest der Welt - so erfolgsorientiert."
Gründlichkeit statt Event
Und Goerne ist anders. Der Event-Sucht, die ihn "krank macht", setzt er die Tugend der Gründlichkeit entgegen. Auf elf CDs erkundet er den Liederkosmos des Franz Schubert für das Label harmonia mundi - eine Großtat, die seine Liebe zum Detail jedoch nicht bremst: Auch über scheinbare Petitessen diskutiert der Bariton. Soll man jedes "t" schreibmaschinenklar akzentuieren? Oder ist ein unverstandenes Wort für eine geschmeidige Phrase in Kauf zu nehmen? Goerne, Inhaber eines warmen, hornweich ausschwingenden Tons, neigt naturgemäß eher zur zweiten Ansicht - und steht damit in Opposition zu seinem prominentesten Lehrer, der Ende der Vorwoche verstarb: Dietrich Fischer-Dieskau.
Lektüre als Tor zum Werk
Über den lässt er jedoch nichts kommen. Viel wichtiger als die individuelle Umsetzung sei die innere Haltung zur Musik, und da könne es keine "richtigere" geben als die Fischer-Dieskaus: "Diese absolute Ernsthaftigkeit, mit der man sich im Zweifel zurücknimmt; diese intensive Auseinandersetzung mit dem Werk, dieses Studiert-Sein." Damit sei Fischer-Dieskau an "allerallerallerallererster Front" gestanden, damit habe er nicht zuletzt dem romantischen Orchesterlied zu neuer Bedeutung verholfen. Huldvolle Quintessenz: "Mein Leben basiert auf dieser enormen, gediegenen Erfolgsgeschichte!"
Nur konsequent, dass das Staatsopernkonzert nun in memoriam Fischer-Dieskau stattfindet. Ob Letzterer seinen Schüler einst auch zu einem gewissen Lesepensum verpflichtet hat? Goerne: "Ich lese viel, aber nie aus Pflichtgefühl." Beim Lesen öffne sich nämlich so etwas wie ein Tor zum Werk. "Das vermisst man, wenn man einmal weiß, dass es da ist".
Wie zum Beispiel bei Schostakowitsch. Ein US-Fagottist, erzählt Goerne, spielte einst ein Solo aus einer der 15 Symphonien des Komponisten: sehr akrobatisch - und sehr zum Missfallen eines russischen Dirigenten. Die Stelle stehe für den Einzug in den Gulag, habe der Maestro moniert, und: Sein Vater sei dort gewesen. "Der Solist", meint Goerne, "wird das sein Leben lang beseelter spielen."
Schostakowitsch, mehrfach von Stalin gerügt, doch nie emigriert, ist für Goerne aus diesem Grund schlicht "ein Steher, ein Kämpfer". Als unstrittig darf das Aufbegehren jedenfalls in der "Michelangelo-Suite" gelten - wenden sich die vertonten Poeme des Renaissancemanns doch klar gegen Unterdrückung. Dass der greise Schostakowitsch diese Worte in reduzierte Klänge hüllte, dass Goerne statt der Orchesterfassung jene mit Klavier (Leif Ove Andsnes) wählte, dürfte in der Staatsoper zwar freilich keinen kulinarischen Hörgenuss nach sich ziehen - in Kombination mit Mahlers teils morbiden Liedern aber intensive Emotion. Wobei es in puncto Schostakowitsch auch eine frohe Botschaft gibt. Goerne: "Es ist wie bei Schubert. Auch wenn es düster wird - Hoffnung ist immer im Spiel."
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