Der Barde aus Barking bellt wieder. Aber leise. Vorbei sind die Zeiten, in denen Billy Braggs schneidender Gitarrenstil wie die Faust aufs Auge zu seinen scharf formulierten Botschaften passten. Offenbar hat die Postmoderne auch das englische Aushängeschild des politischen Liedes nicht vergessen: "Wir leben in postideologischen Zeiten. Schwarz-Weiß-Malerei oder Hantieren mit Begriffshülsen hilft keinem. Das macht die Sache schwieriger", meinte der Sänger noch in einem Interview vor einigen Jahren. Nun versucht er mit seinem aktuellen Album "Fight Songs" wieder an die musikalische Tradition seiner Vergangenheit anzuknüpfen, was ihm zum Teil gelingt.
Doch beginnen wir von vorne .
Stephen William Bragg startete seine Musikkarriere 1977, als 20-Jähriger in der Punk Band Riff Raff am Bass. Vier Jahre später, nach einigen veröffentlichten Singles, war für ihn der Traum vom Punkdasein in einer Band dann auch schon wieder vorbei - die Band löste sich auf. Dazwischen lag allerdings der Wahlsieg von Margaret Thatcher, deren eiserner Kritiker er bis zu ihrem Abgang 1991 wurde.
Bragg wurde zum singenden Sprachrohr ihrer Gegner. Seine Songs kritisierten Neoliberalismus und propagierten Klassenkampf. Zahlreiche Alben zeugen von dieser Phase - angefangen von "Life's A Riot With Spy Vs Spy" (1983), "Workers Playtime" (1988) oder "The Internationale" (1990). Sein Song-Repertoire ist breit gefächert: es reicht von Balladen, Kampfsongs und Coverversionen von Folk und Country Songs bis zu Aufnahme von Woody Guthries unveröffentlichten Stücken zusammen mit der US-amerikanischen Alternative-Band Wilco.
So deutlich seine musikalischen Statements wie To Have And To Have Not, Ideology, oder Waiting For The Great Leap Forwards damals waren, seit dem Abgang von Maggie Thatcher suchte man sie bei Bragg zunehmend vergeblich. Mit Thatchers Wechsel in das House of Lords kam ihm offenbar nicht nur eine wesentliche Inspirationsquelle abhanden, er verlor auch zunehmend seine Bissigkeit und Radikalität. Und mittlerweile hofieren The Queen samt Familie den Barden, die konservative englische Tageszeitung The Times erhob ihn sogar zum "nationalen Schatz" und für die BBC durfte er unlängst einen Song über die Titanic komponieren.
Der progressive Patriot
Die Lobeshymnen kommen nicht von ungefähr: Bragg ist zum Teil des politischen Establishments geworden, er kümmerte sich um die Reform des Oberhauses und wünscht sich eine patriotische Linke. Vielleicht hat Bragg wegen seines Buches "The Progressive Patriot. A Search for Belonging" einen Schlussstrich unter seine radikale Vergangenheit gezogen. Darin untersucht er den Zustand der modernen britischen Identität nach den Bombenanschlägen in London und zeichnet den Aufstieg der rechtsextremen British National Party nach. Vielleicht ist das Buch gleichsam auch seine Antwort darauf, dass er komplexe politische Themen nicht mehr in kurzen Songs verpacken möchte.
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