
"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie." Die Frau, die dieses spricht, spürts und siehts: "In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie."
Dieses "Rieseln", das die Marschallin in der Strauss-Oper "Der Rosenkavalier" besingt: Es scheint vom Körper des Jazzvirtuosen Herbie Hancock wie durch eine Teflonwand getrennt. 72 ist der Mann aus Chicago nun, enterte die Staatsopernbühne am Donnerstag aber mit dem sportlichen Tänzeln eines schlimmstenfalls Midlife-Crisis-Gefährdeten. Und: Auch die Kunst Hancocks, den das Jazzfest fast im Zweijahrestakt ins Haus lädt, verweigert sich dem Strom des konstanten Wandels - so scheints derzeit jedenfalls. Wobei sich dieser Eindruck wohl auch dem Umstand verdanken dürfte, dass der Pianist derzeit keine CD zu promoten hat. Kredenzte der Ex-Kombattant von Miles Davis 2010 eine Light-Fassung seines Stargast-lastigen "Imagine Project", fackelt er nun wieder einmal eigene Funk-Oldies ab. Und das ohne Kompromiss, oder weniger wohlwollend gesagt: leider fast ohne Reflexion. Jaulende Synthies, fiepsige Synthies, maunzende Synthies, wobbernde Synthies - alles abrufbereit, alles grellartifiziell wie eine Packung "Glühwürmchen" aus dem Hause Trolli.
Lange Solos, kurze Freuden
"Actual Proof" (1974), verlässlich funky grundiert von Bassist James Genus und dem (immerhin zu unauffälligen Vexierspielen aufgelegten) Drummer Trevor Lawrence Jr., ist zugleich Opener wie Fanal für einen Abend der Langstrecken-Solos von lediglich sporadischer Inspiriertheit. Das polyrhythmische Ungestüm, mit dem Hancock diesem "Proof" noch 2010 vom Flügel aus Aktualität verlieh: Jetzt fehlts. Andrerseits kein Schaden, dass er den Flügel selten nutzt - jedenfalls für die rechte Logenseite. Dort kracht einem der Fazioli aus den Boxen entgegen wie ein 80er-E-Klavier: körnig, klirrend, dünn. Dennoch können sich Hancock-Debütanten trösten: Immerhin tischt der Chef nebst launiger Ansagen Überhits wie "Watermelon Man" und "Cantaloupe Island" auf. Und: So wenig Stilfremdes dieser Retrodrang auch zulässt, der nebst Umschnallkeyboard einen Vocoder (Grundgütiger!) heraufbeschwört, hat Gitarrist Lionel Loueke doch zehn Minuten, in denen er seine eigenwillige, an afrikanischen Harfen und Trommeln geschulte Virtuosität glänzen lassen darf.
Zuletzt macht Hancock aber alles klar: Er lässt den 80er-Diskohit "Rockit" (vom gern verschwiegenen Album "Future Shock") dröhnen. Trotz Synthiedrums auf höchster Schlagzahl: Mancher mochte ein "Rosenkavalier"-Rieseln hören - und auf der Bühne einen Mann und sein Umschnallkeyboard im Kampf gegen das Altern sehen.
Konzert
Herbie Hancock Quartet
Jazzfest Wien in der Staatsoper
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