
"Drauf ziagt sie mir eine drüber, dass i völlig groggy bin/weil in ihrem kleinen Tascherl - san die Haustorschlüssel drin." Solche Geschichten erzählt nicht nur ein Georg-Danzer-Hit; auch hehrer Festspielboden kann der Tatort sein. Zwar lässt sich nicht eruieren, ob bei der Damenattacke gegen Papageno auch bewusstseinstrübendes Metall im Spiel war. Feststeht aber: Die erste Opernpremiere unter Intendant Alexander Pereira war auch dem handfesten Schmäh zugetan. Warum auch nicht? Mozarts "Zauberflöte" befriedigt seit jeher nicht zuletzt Vergnügungslust, sein Vogelhändler sowieso. Nun spuckt er Zähne wie ein erträumter Casinoautomat Geld.
Gerade anfangs gelingt dieser neuen "Zauberflöte" noch so mancher Stimmungsaufheller - letzten Endes aber kein glanzvoller Erfolg. Ein Grund: Jens-Daniel Herzog hat eher alle Szenen einer Oper inszeniert als das Ding an sich. Was sich schon am erwähnten Zähnespucker zeigt, dem Schikaneders Libretto nur kurz ein Mundschloss verordnet. Wie kommts, dass Papagenos Pappalatur dann auch bei Herzog wieder heil ist? Vor allem aber: Was will der Regisseur erzählen? Die alte Geschichte mit neuem Gag-Stückwerk - oder doch so etwas wie eine eigene Werksicht, die fallweise aufblitzt? Sarastros Weisheits-Orden, Aufklärungspropaganda der Herren Mozart und Schikaneder, wirkt da lächerlich: Farblose Vernünftler amtswalten in einem Zwitterareal aus Spital und Klosterschule. Adornos Aufklärungskritik lässt grüßen: Die Vernunft, meinte der, könne eine mythentrübe Welt erhellen, doch selbst zum Mythos verkümmern - zur Ideologie für Neonlicht-Rationalisten, die sich bei Herzog ebenso limitiert zeigen wie die gefühlstolle Königin der Nacht. Ein Defizit-Paar mit Regie-Potenzial. Doch Herzog opfert es einem kindischen Gott des Gemetzels: Zuletzt catchen Sarastro und die Königin am Boden um ein Machtsymbol. Doch das stecken sich Tamino und Pamina auf einen Kinderwagen. Und rollen ab.
Schwereloser Sound
Ein rätselhaftes, aber ersehntes Ende. Denn das Dirigat von Nikolaus Harnoncourt stretcht den Abend mit bevorzugt niedrigen Tempi und Pausen auf fast vier Stunden. Brutal gesagt: Hätte Mozart das so gewollt, er wäre kein guter Opernkomponist gewesen (jedenfalls nach heutigen Begriffen). Doch was Gift für das Drama ist, kann Ohrenbalsam sein:
Harnoncourt leuchtet die Partitur mit einer Hingabe aus, die selbst kleinste Streicher-Kräusel treusorgend erhellt. Trotz kleiner Intonationstrübungen: Im schlanken Originalklang des Concentus Musicus schillert die Musik fast gewichtlos; spannend neu etwa, wenn Monostatos (Rudolf Schasching) in einem Parlando "der Liebe Freuden" herbeifantasiert und dem Orchester ein somnambules Säuseln entsteigt.
Festspielwürdig das Gros der Sänger: Da charmiert Markus Werba als kerniger Vogelmann, doziert Georg Zeppenfeld als hellstimmiger Sarastro und bestrickt Julia Kleiter mit einem Pamina-Klang von Prägnanz und Süße. Bernard Richters Tamino tönt klangsatt, und Mandy Fredrich erweist sich als Königin des Schalldrucks - wenn auch mit Koloratur-Unschärfen. Der Unmut fokussierte sich zuletzt freilich auf Herzog; die Musiker wurden wohlwollend, doch bald entlassen.
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