• vom 10.01.2006, 12:38 Uhr

Chronik


Folge 116: Auf rotweißroten Spuren in Mährisch Ostrau (Ostrava) Schwerindustriezone in der Donaumonarchie

Das k. k. Energiezentrum




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerhard Stadler

  • Erinnern Sie sich der Anfangsworte des Sketches, in dem Helmuth Qualtinger zwei alternde Mimen raisonieren lässt, über ihre Rollen in der Zwischenkriegszeit in den sudetendeutschen Theatern von Mährisch Ostrau bis Dux/Brüx/Komotau ?

Sonst wird Ostrava, wie die drittgrößte Stadt der Tschechischen Republik nun heisst, Wienern von heute wenig sagen seinerzeit war für Wien die Verbindung mit jener Region lebenswichtig: Bis 1918 hing die gesamte Energieversorgung der Hauptstadt von der schlesisch/mährischen Kohle ab, einschließlich des aus Kohle erzeugten (Leucht)Gases, und noch bis in die Siebzigerjahre kam unser Hausbrand aus den dortigen Kohlegruben, zu denen es schon 1847 mit der Nordbahn eine sehr leistungsfähige Bahnverbindung gab. Die Städte Mährisch und Schlesisch Ostrau und Witkowitz, um den Oder-Fluss in den Kronländern Österreichisch Schlesien (siehe vorige Folgen) und Mähren, waren überdies "das" Zentrum der Schwerindustrie der Donaumonarchie. Ertragreiche Steinkohlegruben, Eisen- und Stahlindustrie (für die nach Erschöpfung der Erzgruben in Schlesien das Eisenerz aus der Steiermark kam), und Fabriken für Spiritus, Soda, Dachpappe, Ziegel, Koks, Zucker, Brauereien, im damals letzten Stand der Technik.


Nach der Entdeckung der Steinkohlevorkommen und dem Bau der ersten Hochöfen im vorvorigen Jahrhundert hatte in den Kleinstädten und Bauerndörfern vor der damaligen österreichisch-preußischen Grenze eine für die Donaumonarchie einzigartige Industrialisierung eingesetzt 1913 arbeiteten in den Gruben und Fabriken je 40.000 Beschäftigte. Der Ausbau der Nordbahn von zwei auf vier Geleise wurde begonnen, da man weiteres starkes Wachstum des Güter- und Personenverkehrs nach dem 270 Kilometer entfernten Wien erwartete. Zum Gütertransport gab es zwischen Mährisch Ostrau, Oderberg/Bohumin und Karwin ein mehr als hundert Kilometer langes Montanbahnnetz, und für den Personenverkehr nicht nur Straßenbahnen, sondern auch ein Stadtbahnnetz von 80 Kilometern, zwar nur mit 76 cm Spurweite, doch elektrifiziert. Alte Ansichtskarten zeigen einige Stationen im reinen Jugendstil ihre Architekten hatten Otto Wagner beim Bau der Wiener Stadtbahn assistiert und dann zum Beispiel für die Station am Theaterplatz in Mährisch Ostrau 1907 die Station Karlsplatz kopiert.

Eigentümer der Kohlegruben und Koksfabriken waren Adelige: Erzherzog Friedrich mit seiner Teschener Gutsverwaltung (siehe Folge 39), die Fürsten Salm-Reifferscheidt, die Grafen Wilczek und Larisch-Moennich, die Barone Gutmann. Sie waren miteinander befreundet, ja verschwägert, was Absprachen über Mengen und Preise nicht gerade behindert haben dürfte. Ihre kleinen Schlösser in der Gegend entsprachen nicht ihren Vorstellungen vom gesellschaftlichen Leben wie uns "jene Gräfin Larisch" (sie soll an der Affäre des Kronprinzen mit Mary Vetschera nicht unschuldig gewesen sein), die mit einem Kohlegrafen verheiratet worden war, in ihren Memoiren enttäuscht schildert. Daher lebte man mit dem in Mähren verdienten Geld lieber in Wien. Die Larisch bauten sich das Palais Ecke Johannesgasse/Lothringer Straße, heute die Irakische Botschaft, die Wilczeks Schloss Kreuzenstein, dies nicht ohne Kunstgegenstände aus Schlesien dorthin zu transferieren. Mit den Eisenwerken wurden andere reich: Zunächst die Rothschilds (die auch den Bau der Nordbahn initiiert hatten und bis zu deren Verstaatlichung 1907 Hauptaktionäre dieses Monopol-Verkehrsunternehmens waren); ihr herausragender Direktor Paul Kuppelwieser verdiente bei den Witkowitzer Eisenwerken so gut, dass er sich 1893 die Brionischen Inseln kaufen und den Ruß von Ostrau gegen die Sonne der Adria tauschen konnte, ein "Aussteiger" (siehe Folge 93). 1897 trat Karl Wittgenstein in den Verwaltungsrat der Rothschildschen Creditanstalt ein. Er, der schon mit seiner Poldi-Hütte im böhmischen Kladno vermögend geworden war, gründete nun zusammen mit den Witkowitzer Werken und der Steirischen Alpine-Montangesellschaft das Österreichische Eisen- und Stahlkartell, das den Markt der Donaumonarchie beherrschte und die Preise diktierte; Wettbewerbs- und Kartellaufsicht waren noch nicht erfunden. Ebensowenig die Bankenaufsicht: Überhöhte Dividenden, Übervorteilung von Minderheitsaktionären nach einer Serie von Fusionen und Insider-Transaktionen dürften das Vermögen einiger weniger ins Unvorstellbare gemehrt haben. 1901, sein Sohn Ludwig (siehe Folge 29) war gerade elf Jahre alt, stieg Wittgenstein aus sein Aktienvermögen hatte er inzwischen krisensicherer in internationalen Grundbesitz umgewandelt. Fortan lebte er als Philanthrop in seinen Palais in der (heutigen) Wiener Argentinierstrasse und in Neuwaldegg.

Nicht, dass die Kapitalisten ihren Arbeitern nichts Gutes getan hätten. Es gab soziale Einrichtungen: Kranken- und Waisenhäuser, Grubenrettung durch die Beschaffenheit der Flöze waren schlagende Wetter häufig , Wohnkasernen um den wegen der Expansion der Werke notwendigen Nachschub an Arbeitern, vornehmlich Polen aus Galizien und Tschechen, unterzubringen , Dienstvillen für die höheren Beamten, Schulen natürlich getrennt nach Sprache und Kirchen.

Doch die Löhne blieben kärglich und die Arbeiter den Arbeitgebern ausgeliefert. Folgen waren Alkoholismus, soziale Unruhen, Streiks, Aufruhr 1894 und 1900 wurde das Militär eingesetzt, es gab Tote und Verwundete. "Ja, hat man bisher die Schädlichkeit der Sippe, gegen die die Kohlenarbeiter jetzt kämpfen, nicht gekannt? Oder hat man geglaubt, die Rothschild, Gutmann, Wittgenstein würden plötzlich aus der Art schlagen und Menschenwohl über Capitalsprofit stellen? Wenn Herr Rothschild ein wohltätiges Institut mit ein paar Tausend Gulden unterstützt, wenn Frau Gutmann als Patronesse in den Ballsaal einzieht, in dem zu wohltätigen Zweck getanzt wird, dann ist es an der Zeit, davon zu sprechen, dass die verbrecherische Ausbeutung von hunderttausend Menschen diesen Leuten die Mittel bietet, mit deren tausendstem Teil sie hundert Menschen zu Hilfe kommen. Wenn Herr Wittgenstein die Eintrittskarte zum Deutschen Schulvereinsfest mit tausend Kronen bezahlt, dann hat man der Öffentlichkeit zu sagen, dass der Herr, der da mit einem Lumpengeld dem Deutschtum helfen will, samt seinen auchdeutschen Kumpanen durch Hungerlöhne, von denen der höher cultivierte deutsche Arbeiter nicht leben kann, die deutsche Arbeiterschaft aus angestammten Gebieten treibt, die Slavisierung Österreichs wirksamer fördert als zehn Sprachenverordnungen vermöchten." Das schrieb Karl Kraus, 1900, in der "Fackel". Wittgenstein bemühte die Gerichte um Entgegnungen, mit Erfolg.

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-01-10 12:38:12
Letzte Änderung am 2006-01-10 12:38:00



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kneissl will Außenministerin werden
  2. Die leichtere Übung zuerst
  3. Stressfaktor Familie
  4. Massive Verschärfungen bei Asyl geplant
  5. Das Geschäft mit dem Müll
Meistkommentiert
  1. Schwaches Ergebnis für jüngste Parlamentschefin
  2. Richtung Russland
  3. Strache verspricht "50 Prozent freiheitliche Handschrift"
  4. "Ich bin mir nicht der geringsten Schuld bewusst"
  5. Van der Bellen vermisst das "Neue"

Werbung




Werbung


Werbung