• vom 11.03.2011, 19:10 Uhr

Chronik

Update: 11.03.2011, 19:13 Uhr

Wie Japan sich vor Erdbeben zu schützen versucht




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  • Für AKW gelten besonders strenge Bauvorschriften.
  • Schnelle Warnung bei Katastrophen, spezielle Pläne zeigen Fluchtwege.
  • Tokio. Kein Land ist so umfassend auf Erdbeben vorbereitet wie Japan. Die Architekten des Inselstaates gelten als führend beim Bau erdbebensicherer Gebäude. Das Militär probt regelmäßig den Ernstfall eines Katastrophen-Einsatzes. Es gibt ein ausgeklügeltes Frühwarnsystem vor Tsunamis und Erdstößen, um die Bevölkerung in Sekundenschnelle zu warnen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Fernsehen, das immer wieder Warnungen verkündet (siehe Grafik).

Doch all diese Maßnahmen können nicht sämtliche Risiskofaktoren ausschließen. Vor allem die nun aufgetretenen Zwischenfälle in Atomkraftwerken - im AKW Onagawa gab es einen Brand im Turbinengebäude, im AKW Fukushima fiel der Kühlkreislauf aus - nährten Ängste vor der großen Nuklearkatastrophe. In einem derart durch Erdbeben- und Vulkanismus gefährdeten Land wie Japan "die Hochrisikotechnologie Atomkraft einzusetzen, grenzt an bewussten Wahnsinn", kritisierte etwa der Anti-Atom-Sprecher der Umweltschutzorganisation Global 2000, Reinhard Uhrig.

Felsiger Untergrund


Tatsächlich setzt Japan bei seiner Energiegewinnung stark auf Atomkraft. Gegenwärtig sind 54 Reaktoren an 16 verschiedenen Standorten am Netz. Für AKW gelten aber strenge Bauvorschriften. Um Erschütterungen so gering wie möglich zu halten, müssen alle Atommeiler in Japan auf felsigem Untergrund gebaut werden. In die Grundfesten wurden Elemente wie Kugellager eingebaut, die ein Schwanken ohne Schäden erlauben, erklärt die deutsche Japanologin Verena Blechinger-Talcott.

Zudem müssen alle Reaktoren Erdstößen bis zur Stärke von 7,75 standhalten können, in besonders gefährdeten Regionen sogar Beben bis 8,25. Das Beben vom Freitag hatte allerdings eine Stärke von 8,9. Ab einer gewissen Erdbebenstärke werden AKW automatisch abgeschaltet und Notfallkühlsysteme aktiviert. Auch beim jetzigen Beben wurden elf Reaktoren heruntergefahren.

Doch schon in der Vergangenheit kam es zu Störfällen. Nach einem Erdbeben der Stärke 6,6 in der Provinz Niigata im Jahr 2007 war etwa in dem AKW Kashiwazaki-Kariwa aus einem Leck radioaktiv belastetes Wasser ins Meer geflossen.

Nicht nur AKW, auch Brücken, Büro- und Wohnhäuser werden möglichst erdbebensicher gebaut. Damit Häuser nicht in sich zusammenfallen, sind sie mit elastischen Bauteilen und beweglichen Fundamenten ausgestattet. Sogenannte Stahl-Skelett-Bauten können selbst schwerste Beben überstehen.

Probe für Ernstfall

Die Bewohner werden darüber hinaus detailliert aufgeklärt, welche Fluchtwege sie im Katastrophenfall nutzen sollten. Darüber unterrichten spezielle Pläne, die in jedem Geschäft erhältlich sind. In ihnen verzeichnet sind etwa empfohlene Wege durch und aus der Stadt - so wird beschrieben, welche Straßen sicher sind, wo es viele verglaste Gebäude gibt und hügelige Strecken ein rasches Vorkommen erschweren, berichtet Blechinger-Talcott. An großen Straßenkreuzungen sind seit den 1960er Jahren Tafeln angebracht, auf denen markiert ist, wo in Parks oder Schulen der nächste Sammelplatz für Evakuierungen liegt.

Und generell wird der Ernstfall immer wieder geprobt. Jedes Jahr am 1. September findet in ganz Japan eine umfangreiche Übung statt. An dem Testfall sind bis zu einer Million Menschen beteiligt, darunter Soldaten, Polizisten, Beamte der Küstenwache und Feuerwehrleute. Die Regierung hält Notstandssitzungen ab. Bei der Übung im Jahr 2008 beispielsweise war ein doppeltes Beben der Stärke 8,6 die Annahme.

Nun ist die Regierung tatsächlich mit dem Ernstfall konfrontiert. Und es zeigt sich, dass all die Vorbereitungen natürlich nicht sämtliche Unwägbarkeiten miteinbeziehen können. Straßen sind kaputt und Flugzeuge können nicht aufsteigen, weil Landebahnen zerstört sind.

Sämtliche architektonischen und planerischen Maßnahmen können nicht verhindern, dass die Gewalt der Natur für Zerstörungen und Tote sorgt. Doch konnte Japan mit seinen Maßnahmen eine noch größere Tragödie verhindern. Denn in einem armen, unvorbereiteten Staat wüten derartige Naturkatastrophen noch viel verheerender. Man denke nur an das Erdbeben im Jänner 2010 in Haiti mit mehr als 300.000 Toten.




Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2011-03-11 19:10:42
Letzte nderung am 2011-03-11 19:13:00



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