• vom 23.09.2010, 19:10 Uhr

Chronik

Update: 23.09.2010, 19:11 Uhr

Belastender Dauerlärm durch Verkehr und Menschen nimmt kontinuierlich zu - Orte der Ruhe werden gesucht

Auf der Flucht vor dem Umweltlärm




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Von Petra Tempfer

  • Verkehrslärm stört am meisten.
  • Höheres Risiko für Herzinfarkt.
  • Schweigewochen als Rettungsanker.
  • Wien. Ohren kann man nicht verschließen. Nicht vor brummenden Autos, ratternden Zügen oder dröhnenden Flugzeugen. Schutzlos sind sie dem steigenden Umweltlärm ausgesetzt, der zur Permanentbelastung herangewachsen ist und zunehmend krank macht. Aus diesem Grund suchen viele Menschen vermehrt Orte der Ruhe auf - um im Schweigen den Dauerstress zu besiegen.

Größtes Problem ist der Dauerstress, dem man durch Umweltlärm ausgesetzt ist. Foto: bb

Größtes Problem ist der Dauerstress, dem man durch Umweltlärm ausgesetzt ist. Foto: bb

Größtes Problem ist der Dauerstress, dem man durch Umweltlärm ausgesetzt ist. Foto: bb

Größtes Problem ist der Dauerstress, dem man durch Umweltlärm ausgesetzt ist. Foto: bb Größtes Problem ist der Dauerstress, dem man durch Umweltlärm ausgesetzt ist. Foto: bb

Dieser wird am stärksten durch Verkehrslärm verursacht, wie der im Vorjahr erstellte Mikrozensus der Statistik Austria ergab. Demnach stellt der Verkehr als Ursache für die Lärmstörung mit 64,2 Prozent die größte Lärmquelle dar. 38,9 Prozent der Österreicher fühlen sich in ihrer Wohnung durch Lärm belastet.

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"Das größte Problem dabei ist der Dauerstress, dem man durch diesen Umweltlärm ausgesetzt ist", stellt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien gegenüber der "Wiener Zeitung" klar. Denn dass Dauerlärm belastet und Stressimpulse setzt, sei durch Studien belegt.

Cortisol und Adrenalin heißen die zwei Übeltäter, die den Körper in Stress versetzen. "Werden die Hormone durch eine ständige Geräuschbelastung vermehrt ausgeschüttet, wirkt sich Letztere bereits auf physiologischer Ebene aus", so Hutter. Als Folgeerscheinungen seien Herz-Kreislauf-Erkrankungen möglich.

Ermüdende Nachtruhe

Selbiges geht aus einer Studie des Mediziners Eberhard Greiser hervor. Dieser untersuchte die Auswirkungen von Fluglärm und kam zu dem Schluss, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit der Höhe des Dauerschallpegels linear ansteigt. Frauen zeigen erhöhte Erkrankungsrisiken für Depressionen.

"Sogar das Herzinfarkt-Risiko nimmt deutlich zu", setzt Hutter hinzu. Bereits bei einer Überschreitung des Dauerschallpegels von 65 Dezibel tagsüber oder 55 Dezibel nachts (Straßenverkehrslärm) sei man einem um 20 Prozent höheren Herzinfarkt-Risiko ausgesetzt. Parallel dazu verstärke sich die Neigung zu Bluthochdruck. Umweltlärm sei überdies für Allergien und Asthma verantwortlich.

Viele wissen allerdings gar nicht, dass eine gestörte Nachtruhe schuld an ihrer Erkrankung ist. Wacht man dadurch doch meistens nicht einmal auf. Denn erst bei 130 Dezibel (startendes Flugzeug) ist die akustische Schmerzgrenze erreicht. Dennoch ist der Schlaf nicht erholsam, was etwa bei Kindern zu schlechteren Lernleistungen führen kann. Laut einer Studie des US-Psychologen Matthew Walker lassen die Leistungen bei einem zu geringen erholsamen Schlafpensum um vierzig Prozent nach.

Doch sogar die letzten verfügbaren Ruhezeiten werden laut Hutter vernichtet - etwa durch die längeren Öffnungszeiten der Geschäfte. Auch Ruhezonen gingen verloren, indem zum Beispiel Höfe zum Parkplatz erklärt werden.

"Gleichzeitig ist zu merken, dass die Menschen dem Lärm entkommen wollen und Orte der Stille suchen", betont indes der Psychotherapeut Dieter Christoph Singer, der seit zehn Jahren Schweigewochen veranstaltet. Der Zustrom sei derzeit besonders groß.

In Verbindung mit Wanderungen oder Aufenthalten am Meer lernen die Teilnehmer, im Schweigen zu sich zu finden - und zur Ruhe zu kommen. "Indem sie üben, eines nach dem anderen konzentriert zu tun", erklärt Singer. Also Atmen, Essen oder Gehen.

Der Großteil glaube anfangs, gar nicht schweigen zu können. "Wenn sie es dennoch tun, dadurch die offene Weite in sich spüren und tief ins Bewusstsein hineinkommen, fühlen sie sich schließlich angekommen." Freilich gebe die Gemeinschaft in der Gruppe die Kraft, durchzuhalten. Dieses Gefühl habe etwas Religiöses an sich - Schweigen sei allen Religionen gemein und im Buddhismus stark ausgeprägt.

Stille in der Klosterzelle

Im Katholizismus steht zwar "das Wort" im Vordergrund. Dennoch kennt auch die katholische Kirche Schweigeexerzitien, bei denen die Stille mitunter durch Gebete unterbrochen wird, und die sich laut Eveline Gruber von "Klösterreich" eines regen Zustroms erfreuen. "Die Nachfrage nach einer Auszeit im Kloster steigt", sagt sie. Mitglied der Kirche müsse man dafür nicht sein. Die Gäste könnten zwischen einfacher Klosterzelle und einem Leben wie im Vier-Sterne-Hotel wählen. Das Mitleben an den Ritualen passiere auf freiwilliger Basis. Doch unabhängig davon, vor welchen Hintergrund die Stille gestellt wird - danach soll der Alltagsstress mitsamt Umweltlärm in einem neuen Licht erscheinen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-09-23 19:10:53
Letzte Änderung am 2010-09-23 19:11:00


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