• vom 20.09.2011, 18:07 Uhr

Chronik


Leben

Die Suche nach einem Gesetz fürs Menschsein




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Von Christoph Rella

  • Experten uneins: Wann beginnt das menschliche Leben?
  • Über Stammzellen, ihre Würde und ihre "Verzweckung".

In Österreich ist Stammzellenforschung erlaubt, nicht aber deren Herstellung. - © EPA

In Österreich ist Stammzellenforschung erlaubt, nicht aber deren Herstellung. © EPA

Wien. Markus Hengstschläger, Vorstand des Instituts für medizinische Genetik in Wien, ist verärgert. Weil es in Österreich kein eindeutiges Gesetz zur Präimplantationsdiagnostik (PID) oder Stammzellenforschung gibt. Wie der Wissenschafter am Dienstag im Rahmen einer Veranstaltung des Katholischen Laienrates im Parlament sagte, ist die aktuelle Rechtslage unklar und widersprüchlich: So ist etwa hierzulande die künstliche Herstellung von Embryonen gesetzlich verboten, die Einfuhr von menschlichem Gewebematerial aus dem Ausland dagegen nicht.

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Ein Problem hat Hengstschläger auch mit den geltenden Bestimmungen zum Lebensschutz. "Bei uns dürfen Ärzte bis zum Zeitpunkt der Geburt ein Baby mit einer Giftinjektion ins Herz töten", erklärte er. Kopfzerbrechen bereitet ihm auch die hohe Zahl an Abtreibungen. Derzeit komme auf jede zweite Lebendgeburt bereits ein Schwangerschaftsabbruch, so Hengstschläger. Geht es nach ihm, so ist die Politik gut beraten, die existierenden Grauzonen durch ein modernes, ethisch verträgliches Gesetz zu beseitigen. Doch wie?

Die Frage, wann menschliches Leben eigentlich beginnt und welchen Schutz man ihm angedeihen lassen sollte, wollte der Genetiker nicht beantworten. Das sei eine Frage der Kultur. "Warum ist ausgerechnet Israel das Mekka der Präimplantationstechnologie? Weil die jüdische religiöse Tradition den Fötus im Leib der Mutter erst ab dem 40. Tag der Empfängnis als vollwertiges menschliches Wesen anerkennt", sagte Hengstschläger. Ähnlich sehe man das auch im Islam. "Als ich in Kuwait war, haben sich arabische Kollegen darüber gewundert, warum in Europa das Leben vor dem 40. Tag mehr geschützt wird als danach."

Dass viele Leute - insbesondere in den christlich geprägten Staaten Europas - den Beginn menschlichen Lebens beim Zeitpunkt der Verschmelzung von Samen- und Eizelle annehmen, sei zwar nachvollziehbar, aber nicht unbedingt schlüssig, fuhr Hengstschläger fort. So sei es genauso möglich, die Entstehung schützenswerten Lebens erst 48 Stunden (Zellteilung) oder sechs Tage nach der Zeugung (Einnistung) anzunehmen.

Was für Juden und Muslime keine Rolle spielt, muss somit bei christlichen Wissenschaftern ernste Gewissenskonflikte auslösen. Zumal bei jeder Stammzellenentnahme der betroffene Embryo stirbt oder "kaputt geht", wie Hengstschläger es ausdrückt. Wurde in diesem Fall ein Mensch getötet? Und wie ist dies mit der "Unantastbarkeit" der Würde des Menschen, wie sie in der UN- und EU-Charta festgeschrieben ist, vereinbar?

Philosophisch und ethisch gesehen? Gar nicht. Davon ist zumindest der Mediziner und Moraltheologe Matthias Beck überzeugt. Die Idee, die Menschenwürde rechtlich zu garantieren, sei eine Lehre aus der NS-Zeit gewesen, nachdem damals konkreten Personen aufgrund fehlender Eigenschaften ihr Lebensrecht abgesprochen worden war, sagte der Experte am Dienstag in Wien. Folglich herrsche heute auf der ganzen Welt Konsens darüber, dass jeder Mensch eine Würde besitzt.

Allerdings werde diese Würde durch Stammzellenforschung und PID verletzt, schloss Beck. Man laufe damit Gefahr, den Menschen - in diesem Fall den Embryo - zu "verzwecken", das heißt, sein Lebensrecht von gewissen Eigenschaften oder Umständen abhängig zu machen. So gesehen sei die Herstellung von Föten zu ausschließlich therapeutischen Zwecken ebenso abzulehnen wie die Zeugung eines Kindes, das dazu bestimmt ist, durch eine Knochenmarkspende das Leben eines Geschwisterchens zu retten, erklärte der Universitätsprofessor. "Wenn es dazu eine Ethik gibt, dann muss sie universell gelten und nicht partiell", fügte er hinzu. Als ein Beispiel, wohin die Verzweckung des Menschen noch führen könnte, nannte Beck Versuche einzelner Wissenschafter, genetische Mischwesen aus Tier und Mensch, Chimären, zu erschaffen. "Das halte ich für einen Angriff auf die Menschheit."




Schlagwörter

Leben, Stammzellen, Menschenwürde, PID

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Dokument erstellt am 2011-09-20 18:15:06



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