• vom 05.10.2011, 18:07 Uhr

Chronik

Update: 05.10.2011, 18:36 Uhr

Japan

Aufrüstung im Südpolarmeer




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ronald Schönhuber

  • Seit Jahren bekriegen sich Walfänger und Tierschützer - nun dürfte sich der Konflikt noch deutlich verschärfen
  • Nach Kollisionen und Rauchbomben bekommen Japans Walfänger Begleitschutz.

Die Tierschützer setzten Farbbeutel, Stinkbomben und die Schiffsschrauben blockierende Seile bei ihren Störaktionen ein. Die Walfänger antworten mit Wasserwerfern und Gerichtsprozessen. - © EPA

Die Tierschützer setzten Farbbeutel, Stinkbomben und die Schiffsschrauben blockierende Seile bei ihren Störaktionen ein. Die Walfänger antworten mit Wasserwerfern und Gerichtsprozessen. © EPA

Tokio. In der vergangenen Fangsaison war der Sieg wohl eindeutig an die Walschützer gegangen. Mehrere Wochen lang waren die Aktivisten von "Sea Shepherd" dem Hauptschiff der japanischen Walfangflotte durch das Südpolarmeer gefolgt, hatten Farbbeutel, Rauchbomben und Flaschen mit stinkender Buttersäure auf das Schiff geworfen, um die Seeleute zu stören und zu behindern. Immer wieder hatten sich die Tierschützer mit ihren Schiffen dazwischengedrängt, wenn die Walfänger ein Tier per Harpune anvisiert hatten oder versuchten, einen bereits erlegten Wal an Bord zu ziehen. Deutlich vor dem ursprünglich geplanten Ende des Fangzugs gaben die Japaner schließlich entnervt auf, die aus vier Schiffen bestehende Flotte machte sich in Richtung Heimat auf. Von den 985 Walen, die Japan zwischen November 2010 und März 2011 erlegen wollte, konnten gerade einmal knapp 200 gefangen werden.

Werbung

Der vorzeitige Abzug der Fangflotte wurde von den Tierschützern damals als großer Sieg gefeiert. Doch Japan scheint in dem mittlerweile zu einem veritablen Kleinkrieg gewordenen Konflikt als andere als klein beigeben zu wollen. Am Dienstag kündigte das japanische Fischereiministerium an, dass die Walfangflotte in diesem Jahr erstmals Begleitschutz bekommen wird, der die Störaktionen der Tierschützer verhindern soll. Ob und mit welchen Waffen die Boote ausgestattet werden, wollte das Ministerium nicht kommentieren. An der eigenen Entschlossenheit ließ man aber keine Zweifel. "Wir werden weiterhin die Überzeugungen unseres Landes geltend machen", sagte Fischereiminister Michihiko Kano. Japan ist eines von drei Ländern, das trotz des 1986 in Kraft getretenen weltweiten Fangmoratoriums weiterhin Jagd auf Wale macht. Das Land nutzt dabei eine Ausnahmegenehmigung der Internationalen Walfangkommission (IWC), die eine Jagd für Forschungszwecke erlaubt. Für die Tierschützer ist Japans wissenschaftlicher Walfang aber nur ein Deckmäntelchen für den kommerziellen Hintergrund der Jagd, denn der von der IWC geforderte Nachweis über neue Erkenntnisse fehlt so gut wie vollständig. Nahezu alle erlegten Tiere landen zudem auf dem Markt.

Wenig Appetit auf Wal
Mit dem Begleitschutz für die Fangschiffe scheint jedenfalls eine neuerliche Verschärfung des Konflikts unausweichlich, denn auch die Tierschützer haben schon angekündigt nochmals aufrüsten zu wollen. Bereits im Vorjahr waren sie so gut ausgestattet wie nie zuvor gewesen: Zwei mehr als 50 Meter lange, hochseetaugliche Schiffe, ein sehr schneller und wendiger Trimaran und ein Hubschrauber wurden der Fangflotte entgegengestellt.

Wie verhärtet die Fronten mittlerweile sind, lässt sich aber nicht nur an dieser Aufrüstung ablesen. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen sich Walschützer und Walgegner ausschließlich mit Farbbeuteln und Wasserwerfern bekämpften. Im Jänner 2010 sank das Sea-Shepherd-Schnellboot "Addy Gil" nach einer Kollision mit dem Walfangschiff "Shonan Maru", beide Seiten unterstellten der jeweiligen anderen Partei danach eine absichtliche Attacke. Wenige Monate später wurde ein Aktivist, der unerlaubt ein japanisches Fangschiff betreten hatte, von einem Gericht in Japan zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und dann nach Neuseeland zurückgeschickt. Aus Protest gegen die Störaktionen hatte der japanische Außenminister Seiji Maehara im Februar 2011 sogar die Botschafter von Australien, Neuseeland und den Niederlanden einberufen. Japan wirft diesen Ländern vor, die Tierschützer zu unterstützen, weil sie unter ihrer Flagge und von ihren Häfen aus operieren. Neuseeland kritisierte wiederum am Mittwoch die japanische Entscheidung für Begleitschiffe.

Der Walfang wird von den Tierschützern nicht nur als artgefährdend, sondern auch als unnötig kritisiert. Denn obwohl Japan stets auf die Traditionen seiner Esskultur pocht, haben im Land der aufgehenden Sonne heute nur noch wenige Appetit auf Walfleisch. Vor Beginn der letzten Fangsaison warteten noch 4500 Tonnen tiefgefrorenes Walfleisch in den Kühlhäusern auf Käufer, um die Nachfrage zu stimulieren, wurde es an Schulen und Krankenhäuser zu einem Drittel des Marktpreises geliefert. Angesichts dieser Marktlage muss die Waljagd auch kräftig subventioniert werden, ohne einen staatlichen Zuschuss von sieben Millionen Euro könnte die Fangflotte längst nicht mehr in See stechen. Dass Japan trotzdem bedingungslos am Walfang festhält, ist laut Experten eine Frage des Prinzips. Denn das Land, das einen Großteil seiner Lebensmittel importieren muss, will sich nicht von Ressourcen abschneiden lassen. Denn was mit dem geschützten Wal beginnt, könnte mit dem bedrohten Thunfisch enden.




Schlagwörter

Japan, Tierschutz, Walfang

4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2011-10-05 18:14:10
Letzte Änderung am 2011-10-05 18:36:16



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Deutsch-österreichische Erregung
  2. Einundsiebzig
  3. "Wir nivellieren nicht"
  4. Not ohne Not
  5. Sprudelnde Steuerquelle für den Finanzminister
Meistkommentiert
  1. Burka-Verbot ohne Burka
  2. Integration trägt mehr zur Sicherheit bei als Zaunkampfrhetorik
  3. Milde für Hochegger und Rumpold
  4. Duzdar kritisiert Sobotka
  5. Winning ugly

Werbung