• vom 10.04.2012, 18:03 Uhr

Chronik

Update: 10.04.2012, 18:24 Uhr
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Neues Gutachten eine Woche vor dem Prozess

"Breivik ist zurechnungsfähig"


Von WZ-Korrespondent Thomas Hug

  • Ab 16. April muss sich der Attentäter von Oslo für den Tod von 77 Menschen vor Gericht verantworten.

Oslo.

Breivik selbst kämpft seit Monaten darum, als zurechnungsfähig anerkannt zu werden.

Breivik selbst kämpft seit Monaten darum, als zurechnungsfähig anerkannt zu werden.© dapd Breivik selbst kämpft seit Monaten darum, als zurechnungsfähig anerkannt zu werden.© dapd

Wer am Dienstag vor dem Strafgericht in Oslo stand, war wohl allein schon von der physischen Dimension beeindruckt. Nur mit Hilfe einer Transportrodel konnte der Gerichtsdiener die vielen Kopien des 300 Seiten starken Berichts ins Innere des Gebäudes schaffen. Doch auch in inhaltlicher Hinsicht ist das zweite rechtspsychiatrische Gutachten über Anders Behring Breivik für einiges Aufsehen gut, denn laut der dort dargelegten Experteneinschätzung war der norwegische Massenmörder zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig und ist damit schuldfähig.

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Ein erstes Attest hatte Breivik noch im vergangenen November für zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig erklärt. In der norwegischen Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch bei den Angehörigen der Opfer stieß dies auf Kritik. Das Osloer Strafgericht gab schließlich den Psychiatern, Terje Törrisen und Agnar Aspaas, den Auftrag, ein neues Gutachten zu verfassen.

Der neue Bericht kommt mit einer überraschenden Deutlichkeit zu einer anderen Schlussfolgerung als das Attest vom November: Breivik, der insgesamt 77 Menschen getötet hat, war zum Tatzeitpunkt weder psychotisch noch psychisch behindert. Der 33-Jährige habe weder ein psychisches Leiden oder eine wesentlich geschwächte Anlage zur realistischen Beurteilung seiner Umwelt und war nicht unzurechnungsfähig zum Zeitpunkt der Handlung, für die er nun angeklagt ist, schreiben Törrisen und Aspaas. Dagegen bestehe ein hohes Risiko für erneute gewalttätige Handlungen.

Psychiater als Zeugen
Die beiden Psychiater haben Breivik insgesamt 37 Stunden lang observiert und hatten auch Zugang zu allen Videoaufzeichnungen der Verhöre unmittelbar nach der Tat. "Wir können nicht von der Hand weisen, dass unsere zeitliche Distanz zur Tat vielleicht ein Vorteil war. Besonders wenn man die Reaktionen in der norwegischen Gesellschaft nach dem 22. Juli in Betracht zieht", antwortete Aspaas bei einer Pressekonferenz auf die Frage, warum sie zu einem diametral anderen Schlusssatz kommen konnten. Näher wollten die beiden Psychiater nicht auf den Bericht eingehen. Sie wiesen darauf hin, dass sie am 18. Juni im Breivik-Prozess als Zeugen aussagen werden. Der Prozess gegen den Oslo-Attentäter beginnt am nächsten Montag.

Als die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Breivik eröffnet hatte, plädierte sie in erster Linie für psychiatrische Zwangsbehandlung. Sie ließ aber offen, ob Breivik bestraft oder verwahrt wird. Es ist deshalb nun in der Hand des Osloer Strafgerichts, die Beweislage zu beurteilen und Breivik für straffähig oder nicht straffähig zu erklären. "Das neue Gutachten ist ein Beweisstück, an das sich die Richter halten werden", sagte Ina Strömstad, Richterin beim Osloer Strafgericht. Das Gericht werde sich natürlich mit beiden Gutachten beschäftigen. Beide Gutachten sind bis zu den Gerichtsverhandlungen in ihrer Gesamtheit nicht öffentlich.

Für den Angeklagten selbst ist das neue Gutachten eine Art Etappensieg. Breivik hatte in den vergangenen Monaten seine Energie in der Gefängniszelle dazu verwendet, das Gutachten, das ihn als nicht zurechnungsfähig erklärte hatte, zu diskreditieren. "Dass Breivik im neuen Gutachten als zurechnungsfähig erklärt worden ist, stärkt seine Sache", sagte sein Verteidiger Geir Lippestad am Dienstag.

Der damals 32-jährige Breivik hatte am 22. Juli 2011 erst im Osloer Regierungsquartier eine Bombe gezündet, wobei acht Menschen starben. Danach fuhr der Rechtsradikale zur Insel Utöy, wo die jungen Sozialdemokraten jährlich ein Sommerlager abhalten, und erschoss dort 69 junge Menschen, die Jüngsten gerade 14 Jahre alt. Breivik gestand die Tat und gab als Tatmotiv Hass gegen den Islam und die regierenden Sozialdemokraten an. Vor dem Massaker hatte er im Internet ein 1500 Seiten starkes Manifest veröffentlicht, in dem er unter anderem die Einwanderung von Muslimen kritisierte.




Schlagwörter

Terror, Oslo, Anders Breivik, Attentate

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-10 18:08:08
Letzte Änderung am 2012-04-10 18:24:34


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