Oslo. Als sie ihm zu ersten Mal begegnete, verband Alexandra Peltre damit Hoffnung. Überall auf der kleinen Ferieninsel Utöya waren damals Schüsse zu hören, dazwischen mengten sich immer wieder panische Schreie. Der Mann in der Polizei-Uniform versprach hingegen Rettung, erzählte den verängstigten Jugendlichen, dass er hier sei, um ihnen zu helfen. Dass alles in Ordnung sei und sie nun aus ihren Verstecken kommen könnten. Doch Anders Behring Breivik war kein Helfer und auch kein Retter. "Ich sah ihm genau in die Augen und Peng, da hatte ich ein Loch im Fuß", erinnert sich die 18-Jährige.
Überlebt hat sie nur mit Glück. Als sie in den kalten Tyriford-See gesprungen war, ragte ihr Kopf noch als deutlich sichtbares Ziel über die Wasseroberfläche hinaus. Doch der blonde Mann mit dem halbautomatischen Ruger-Gewehr hatte sich bereits seinem nächsten Opfer zugewandt. Aus nächster Nähe musste Peltre mitansehen, wie Breivik einen Burschen am Ufer aus kurzer Distanz mit fünf oder sechs Schüssen tötete. Eines von 69 Opfern, die das Massaker auf Utöya forderte.
Für Peltre wird es schon bald ein schmerzliches Wiedersehen mit Breivik geben. Am Montag beginnt in Oslo der Prozess, der bis Ende Juni die schlimmste Katastrophe, die Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg ereilt hat, juristisch aufarbeiten soll, und die 18-Jährige soll dabei als Zeugin gegen Breivik aussagen. "Danach wird es wahrscheinlich einfacher sein, mit dem zu leben, was passiert ist", sagt sie.
Herr über Leben und Tod

Was passiert ist, das hat Breivik schon gestanden. Viel länger schon, als es die Staatsanwälte in ihrer umfassenden und sorgfältig zusammengetragenen Anklageschrift dokumentiert haben. Seiner eigenen Aussage zufolge hatte Breivik am 22. Juli 2011 zunächst eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel gezündet. Der um 15.25 Uhr explodierte Sprengsatz, der acht Todesopfer forderte, war auch als Ablenkungsmanöver gedacht gewesen. Es sollte die Einsatzkräfte im Zentrum der Hauptstadt binden, während Breivik im Sommerlager der Jungsozialisten auf Utöya Jagd auf seine Opfer machte. Ein Kalkül, das aufging. Fast eineinhalb Stunden lang konnte Breivik unbehelligt auf der kleinen Insel wüten. Als sich der 33-Jährige um 18.27 Uhr schließlich einem Sondereinsatzkommando der Polizei ergab, gab es auf Utöya neben den 69 Toten auch hunderte Verletzte.
Angeklagt wird Breivik wegen vielfachen Mordes und einer terroristischen Handlung, mit dem Ziel die öffentliche Ordnung zu Fall zu bringen. Reue für all das hat der 33-Jährige bisher keine gezeigt. Im Gegenteil. "Könnte er wählen, würde er dasselbe noch einmal tun", sagte Breviks Anwalt Geir Lippestad zu Beginn dieser Woche im norwegischen Rundfunk. Sein Mandant bedauere, dass er damals nicht noch viel weiter gegangen sei.
Dass Breivik bisher keine Reue hat erkennen lassen, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass er sich für unschuldig hält. Wenn der Prozess am Montag beginnt, will Breivik den Massenmord seinem Anwalt zufolge als Akt der Notwehr darstellen. Zwar grausam und schwierig durchzuführen, aber letztlich doch unumgänglich.
Warum das Blutbad notwendig war, das hat Breivik nicht nur in den Verhören dargelegt, sondern auch schon in einem unmittelbar vor der Tat veröffentlichten, 1500 Seiten starken Internet-Manifest. Der Ansicht des 33-Jährigen nach ist Norwegen ebenso wie der Rest von Westeuropa durch eine massive Islamisierungswelle bedroht. Doch anstatt etwas gegen den unaufhaltsam voranschreitenden Multikulturalismus zu unternehmen, leiste die regierende norwegische Arbeiterpartei dieser Entwicklung durch laxe Einwanderungsgesetze auch noch Vorschub. In diesem Zusammenhang sieht sich Breivik als Verteidiger des christlichen Glaubens, als modernen Kreuzritter, der als einer der wenigen den Kampf aufnehme und Krieg gegen die Islamisierung Europas und den "Kulturmarximus" führe. Die mörderischen Attentate sollten dabei die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf seine Sache lenken. Möglichst viele Menschen zu töten, gehörte dabei als notwendiges Übel zum Kalkül - als "Kommandeur einer Widerstandsbewegung" durfte Breivik seiner eigenen Ansicht nach auch darüber entscheiden, "wer leben und wer sterben darf".
Konträre Gutachten
Die Vorstellung, der Heilsbringer zu sein und die Gewalt über Leben und Tod zu besitzen - das alles klingt auf den ersten Blick nach Geisteskrankheit. Doch ob Breivik, der seine Anwälte angewiesen hat, auf nicht schuldig zu plädieren, tatsächlich an einer schweren psychischen Störung leidet, ist heftig umstritten. Und die Debatte darüber stellt - nachdem Breivik ja bereits die Attentate zugegeben hat - das Kernstück des Prozesses dar.
In einem ersten psychiatrischen Gutachten wurde Breivik im November wegen einer bizarren Zwangsvorstellung eine "paranoide Schizophrenie" bescheinigt und er damit für schuldunfähig erklärt. Seit Dienstag gibt es nun ein zweites Gutachten, laut dem er "zum Zeitpunkt der Tat nicht psychotisch" war. Breivik, der die Anschläge neun Jahre lang minutiös geplant hatte und sie dann kaltblütig ausführte, sei voll zurechnungsfähig, meinen die Psychiater Terje Törrissen und Agnar Aspaas. In ihrer mehr als 300 Seiten starken Expertise gehen die beiden zudem auch von beträchtlicher Wiederholungsgefahr aus.
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