Washington.

Doch nun scheint tatsächlich erstmals ein Durchbruch bei der Vorbeugung einer HIV-Ansteckung gelungen. Truvada, ein bereits für die Behandlung von Aids-Patienten eingesetztes Medikament, steht in den USA kurz vor der Zulassung als Prophylaxe für Nichtinfizierte. Elf Stunden hatten die Beratungen gedauert, ehe sich ein Expertenausschuss der Nationalen Lebens- und Arzneimittelaufsicht FDA am Freitag mit einer deutlichen Mehrheit für die bundesweite Freigabe aussprach. Damit ist nur noch die endgültige und für den 15. Juni erwartete Entscheidung der FDA ausständig. Und diese gilt als relativ sicher. Die Lebens- und Arzneimittelaufsicht ist zwar nicht an die Empfehlung des Expertenausschusses gebunden, im Regelfall folgt sie aber den Vorgaben.
Die Anti-Aids-Pille hat in den vergangenen Jahren in mehreren klinischen Studien überzeugt. Bei gesunden homosexuellen Männern konnte die regelmäßige Einnahme von Truvada das Ansteckungsrisiko um 44 Prozent senken. Noch viel ausgeprägter sind die Erfolge bei heterosexuellen Paaren, bei denen einer der Partner das HI-Virus in sich trägt. Laut einer in Kenia durchgeführten Untersuchung liegt das Risiko sich anzustecken für den gesunden Teil um 63 Prozent niedriger, mit der Kombination eines weiteren Medikaments lassen sich die Werte sogar auf 75 Prozent steigern. Allerdings muss Truvada verlässlich Tag für Tag eingenommen werden. Wer hin und wieder auf die von Gilead Sciences hergestellte Anti-Aids-Pille vergisst, reduziert die Schutzwirkung rasch einmal um die Hälfte.
Pille statt Kondom?
Angesichts der hohen Wirksamkeit in den Studien wird Truvada von Gesundheitspolitikern und Ärzten in den USA schon jetzt als Meilenstein in der Aids-Bekämpfung gefeiert. "Die bisherigen Maßnahmen konnten die Zahl der Neuinfektion nicht senken und daher brauchen wir neue Maßnahmen", sagt John Mellors, Vorstand der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Uni Pittsburgh. "Wenn man Truvada richtig nimmt, funktioniert es."
Wie dringend eine funktionierend Aids-Prophylaxe in den USA gebraucht wird, zeigt ein Blick auf die Statistik. 1,2 Millionen Amerikaner sind HIV-positiv, und während die Zahl der Neuansteckungen global sinkt, liegt sie in den USA seit fast zwei Jahrzehnten schon beharrlich bei 50.000. Bei Homosexuellen ist sie seit Mitte der 90er Jahre sogar wieder spürbar angestiegen.
Doch von ungeteilter Zustimmung ist Truvada trotz dieser Daten weit entfernt. Während die einen den Durchbruch feiern, sehen die anderen die Büchse der Pandora, die soeben geöffnet wurde. Befürchtet wird von den Gegnern, dass die Anti-Aids-Pille den Patienten ein trügerisches Gefühl der Sicherheit vermittelt und riskantes Verhalten fördert. Vielfach ist schon die Rede von einem Lifestyle und Party-Medikament, das von allzu arglosen Nutzern nicht täglich eingenommen wird, sondern nur dann, wenn es unmittelbar zur Sache geht. Und diese Nutzergruppe könnte aufgrund des scheinbar vorhandenen Schutzes auch auf konventionelle Vorbeugungsmaßnahmen verzichten. "Es steht außer Frage, dass durch eine weite Verbreitung von prophylaktischen Medikamenten die Verwendung von Kondomen spürbar zurückgehen wird", sagt der Aids-Experte Robert Elliot. Kritik entzündet sich aber nicht nur am trügerischen Sicherheitsgefühl oder der nicht auszuschließenden Schaffung behandlungsresistenter Virustypen. Wieder einmal geht es auch ums Geld. Die Versorgung mit Truvada, die wohl auch stark vom Staat gestützt werden wird, kostet 11.000 Dollar pro Patient und Jahr. Mit dieser Summe könnten im selben Zeitraum 20 HIV-Patienten behandelt werden.
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