• vom 14.05.2012, 18:44 Uhr

Chronik

Update: 14.05.2012, 19:32 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Der Chef des Pharmaunternehmens Servier soll bereits seit Jahren von der Gefährlichkeit gewusst haben

Ein tödlicher Appetitzügler


Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Bis zu 2000 Menschen starben durch Mediator, nun beginnt bei Paris der Prozess.

Das gefährliche Diabetes-Mittel Mediator wurde zwischen 1976 und 2009 etwa fünf Millionen Mal verkauft. - Platiau/Reuters

Das gefährliche Diabetes-Mittel Mediator wurde zwischen 1976 und 2009 etwa fünf Millionen Mal verkauft. Platiau/Reuters

Paris. Eigentlich wollte Jocelyne nur ein paar überflüssige Kilos verlieren. Sie vertraute ihrem Arzt, schluckte die verschriebenen Tabletten - und starb an einem Herzklappenfehler. Hunderte solcher Fälle gibt es in Frankreich, wo Ende 2009 einer der größten Arzneimittel-Skandale der vergangenen Jahre publik wurde.

Werbung

Dem Pharma-Unternehmen Servier, der Tochterfirma Biopharma, Firmengründer Jacques Servier und ehemaligen Mitarbeitern wird vorgeworfen, mit Mediator wissentlich ein giftiges Medikament hergestellt und als Appetitzügler und Mittel gegen Übergewicht und Diabetes vertrieben zu haben. Am Montag begann bei Paris der Prozess wegen schweren Betrugs. Servier und den vier Ex-Führungskräften drohen vier Jahre Haft und hohe Geldstrafen, den Unternehmen ebenfalls Geldbußen und Entzug der Lizenz. Nach Sanofi-Aventis ist Servier Frankreichs zweigrößter Pharmahersteller.

Sein Mandant sei "kämpferisch und verantwortungsbewusst", sagte Hervé Temime, Anwalt des 90-jährigen Servier, der sich gestern zu den Vorwürfen nicht äußern wollte. Während es den mehr als 350 Klägern angesichts des hohen Alters des Angeklagten und ihres teils schlechten eigenen Gesundheitszustandes um einen schnellen Prozess ging, versuchte die Verteidigung gestern zum wiederholten Mal, den Verhandlungsbeginn zu verschieben. Der Prozess sei nicht verfassungsmäßig, da in Paris bereits ein anderes Verfahren gegen Servier unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung laufe, lautet das Argument.

Der 90-jährige Jacques Servier soll aus Gewinnstreben alle Warnzeichen ignoriert haben.

Der 90-jährige Jacques Servier soll aus Gewinnstreben alle Warnzeichen ignoriert haben.© dapd Der 90-jährige Jacques Servier soll aus Gewinnstreben alle Warnzeichen ignoriert haben.© dapd

Ein dichtes Netzwerk
Temime kritisierte auch die "mediale Steinigung" des Pharma-Herstellers. "Die Opfer wollen eine beispielhafte Verurteilung des Servier-Laboratoriums", erklärte hingegen Opfer-Anwalt Charles Joseph Oudin. Jeder Kläger verlangt 100.000 Euro Schadensersatz. Heute entscheidet die Vorsitzende Richterin, ob der Prozess fortgesetzt wird.

Das Schlankheitsmittel mit dem Wirkstoff Benfluorex war 33 Jahre lang in Frankreich vertrieben worden; Ärzte verschrieben es nicht nur Diabetikern, sondern auch gesunden Patienten, die abnehmen wollten. Laut unterschiedlichen Studien starben zwischen der Zulassung 1976 und dem Verbot 2009 zwischen 500 und 2000 Menschen. Mehr als 3500 mussten im Krankenhaus behandelt werden. Servier wird vorgeworfen, frühzeitig von der Gefährlichkeit des Medikaments gewusst und dies aus Gewinnstreben bewusst vertuscht zu haben; möglich war das auch dank bester Kontakte in die höchsten politischen Kreise und zu den zuständigen Kontrollbehörden.

Tatsächlich warnten seit den 90er Jahren Ärzte wegen möglicher Herz-Kreislaufschäden durch Mediator, das in Deutschland nie zugelassen war, in der Schweiz Ende der 90er Jahre vom Markt genommen wurde und in Italien und Spanien seit 2003 nicht mehr vertrieben werden darf. Auch die Wirksamkeit des Produktes stand in Frage, von dem in 33 Jahren 155 Millionen Schachteln weltweit verkauft wurden - in Frankreich übernahm die Krankenkasse die Kosten. Dennoch wurden die Warnungen erst 2009 ernst genommen, als eine couragierte Ärztin medienwirksam Alarm schlug - offenbar genoss Mediator lange den Schutz von Lobbyisten. Auch soll es Drohungen gegen Ärzte und Journalisten gegeben haben für den Fall, dass sie Bedenken gegen das Medikament äußern. Der Skandal legte ein verschlungenes Netz zwischen Pharmaherstellern und -kontrolleuren bloß und brachte auch die Arzneimittel-Kontrollbehörde stark unter Beschuss.




Schlagwörter

Jacques Servier, Mediator

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-14 18:50:11
Letzte Änderung am 2012-05-14 19:32:54


Beliebte Inhalte



RBI-Chef Herbert Stepic stellt seine Funktion als CEO zur Verfügung. - APAweb / Hans Klaus Techt
  • "Mr. Osteuropa" verabschiedet sich von seinem "Lebenswerk"
  • weiter
  • Update vor 1 Min.

In knapp mehr als vier Minuten - 20 hätte er gehabt - handelte Faymann, ganz ohne einleitende Worte, die 15 Fragen ab. - APAweb/Jäger
  • Kanzler versicherte mehrfach, dass das Bankgeheimnis für Steuer-Inländer nicht angetastet wird.
  • weiter

Tier- und Wasserschutz sind nun in der Verfassung verankert. - APAweb/Ole Spata dpa/lni
  • Einigung zwischen Koalition und Freiheitliche am Rande der Nationalratssitzung.
  • weiter

Er wars. Nein, er wars. Nein er. Aber was war eigentlich seine Leistung? - APAweb/HELMUT FOHRINGER
  • Ex-FPÖ-Werber Rumpold verstrickt sich bei seiner Aussage in Widersprüche.
  • weiter

  • Wie man Schüler mit Sprachdefiziten fördert, sollen Direktoren entscheiden.
  • weiter

Am "Internationalen Tag der Pflege" haben sich die Seniorenvertreter von SPÖ und ÖVP für die Abschaffung des Pflegeregresses in der Steiermark ausgesprochen. - APAweb / Barbara Gindl
  • Frühere Angleichung des Frauenpensionsalters für Khol "keine aktuelle Frage"
  • weiter

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl bei seiner Rede über "Sozialtourismus". - APAweb / Robert Jäger
  • Hundstorfer ärgert sich über "Demagogie" der Freiheitlichen.
  • weiter

Alle Lehrer werden Master. Auch Volksschullehrer müssen länger studieren. - apa/Georg Hochmuth
  • Alle Sekundarlehrer erhalten dieselbe Ausbildung; Mobilität wird erhöht.
  • weiter

  • Vizechef Norbert Hofer dementiert rassistische Aussagen.
  • weiter

SPÖ -Kampfpapier gegen die Steuerpläne der ÖVP. (Faksimile)
  • Der Rosenkrieg vor der Wahl ist eröffnet - und er wird "dirty". Doch die zweite Ehe winkt bereits.
  • weiter




Werbung




Chansonnier und Komponist

Trauer um Georges Moustaki

20130523MOUSTAKI - APAweb / EPA/NABIL MOUNZER (dpa / ja) Georges Moustaki ist tot. Der berühmte Chansonnier, Schöpfer von Welterfolgen wie "Milord", starb im Alter von 79 Jahren in Nizza... weiter




Filmemacher starb Horst Königstein im Alter von 67 Jahren in Hamburg

Abschied vom Pionier des Doku-Dramas

Die Manns "Die Manns" und "Speer und Er" tragen seine Handschrift: Horst Königstein, der renommierte Filmemacher und Pionier des Doku-Dramas, ist tot... weiter




Nach der Fußball-Laufbahn wurde er zum Star in der NFL

Ex-Teamspieler Toni Linhart gestorben

Toni Linhart Der ehemalige österreichische Fußball-Teamspieler und NFL-Profi Toni Linhart ist tot. Wie der österreichische Fußballbund (ÖFB) auf seiner Website... weiter




Unglück beim Training für den America's Cup

Olympiasieger Simpson verunglückt

20130510simpson - APAweb / AP, Noah Berger San Francisco. Der Segel-Sport trägt Trauer: Der britische Olympiasieger Andrew "Bart" Simpson ist am Donnerstag bei einem Trainingsunfall in der... weiter




Im Alter von 92 Jahren

Italienischer Modeschöpfer Ottavio Missoni gestorben

Ottavio Missoni - APweb / Luca Bruno Rom. Der italienische Modeschöpfer Ottavio Missoni ist am Donnerstag im Alter von 92 Jahren gestorben. Der Designer starb in seiner Villa in Sumirago... weiter




Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

23.05.2013: Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung