• vom 13.05.2011, 22:05 Uhr

Chronik

Update: 13.05.2011, 22:08 Uhr

Mohammeds Ziegen verdursten




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Von WZ-Korrespondent Philipp Hedemann

  • Der Südosten Äthiopiens wartet seit sieben Monaten auf Regen.
  • Addis Abeba. Über sechs Stunden ist Mohammed Ali mit seinen 35 Kühen und 70 Ziegen durch die staubtrockene Savanne marschiert, bis er kurz vor der somalischen Grenze endlich das Wasserloch erreichte. Der Nomade unterdrückte mit einer Backe Khat den schlimmsten Durst, seine Tiere mussten ohne die Kaudroge auskommen, stürzen sich laut muhend in die trüben Fluten.

Mohammed Ali vor dem Wasserloch.

Mohammed Ali vor dem Wasserloch.© Hedemann Mohammed Ali vor dem Wasserloch.© Hedemann

Im Südosten Äthiopiens hat es über sieben Monate nicht geregnet. In dem Land, in dem vor 26 Jahren über eine Million Menschen verhungerten, droht neue Not.


"Ich komme jeden zweiten Tag mit meinen Tieren zum Wasserloch, und jedes Mal gibt es weniger Wasser. Ich habe Angst, dass es bald ganz austrocknet. Dann sterben erst die Tiere, dann . . ." - der Vater will den Satz nicht zu Ende denken. Bei der letzten Dürre vor drei Jahren verlor der 65-Jährige zehn Rinder - und Tiere, seine Familie, sein unerschütterlicher Glaube an Allah und eine Handvoll abgegriffener äthiopischer Scheine sind das Einzige, was Mohammed Ali hat. Von den schmutzigen Scheinen steckt er dem Wächter des Wasserlochs einige zu.

Nachdem Mohammed und seine Männer sich von der selben braunen Brühe wie ihr Vieh sattgetrunken haben, machen sie sich wieder auf den Weg. Sechs Stunden Marsch durch die Steppe liegen vor den Nomaden. Hyänen und Schakale werden ihnen folgen, doch noch sind Männer und Tiere stark genug.

Noch. Übermorgen werden sie sich wieder auf den Weg zum Wasserloch machen, Männer und Tiere werden dann wieder ein Stück tiefer herabsteigen müssen, um das braune Wasser zu erreichen.

"Es werden wohl nicht nur Tiere sterben"

"Ich kann nicht den Notstand ausrufen. Das kann nur die Regierung in der Hauptstadt Addis Abeba. Aber wenn es nicht bald regnet, werden wohl nicht nur Tiere sterben. Wir brauchen mehr internationale Hilfe", sagt ein Beamter in der von der Dürre am schlimmsten betroffenen Somali-Region. Aus Angst vor Repressalien will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Selbst die Wolken über Mohammed Ali sehen so aus, als würde aus ihnen eher Staub als Regen fallen. "Wir beten jeden Tag zu Allah. Wenn wir es uns leisten können, opfern wir ihm eine Ziege. Irgendwann muss es doch einmal regnen", sagt der strenggläubige Nomade, der noch nie etwas vom Klimawandel gehört hat. Die mit Hochleistungscomputern berechneten Langzeitprognosen geben den Gebeten Mohammed Alis wenig Chancen.

Äthiopiens Ministerpräsident Meles Zenawi hatte 2010 angekündigt, dass sein Land in fünf Jahren nicht mehr auf internationale Lebensmittel-Hilfslieferungen angewiesen sein möchte. Unabhängige Experten glauben, dass dieses Ziel in dem Land mit der rasant wachsenden Bevölkerung kaum erreicht werden kann. Die äthiopische Regierung setzt unter anderem auf die Verpachtung riesiger landwirtschaftlicher Flächen an ausländische Investoren - doch ein Großteil der Ernten wird sofort aus dem zwölftärmsten Land der Welt exportiert.

3,2 Millionen Menschen werden laut Berechnungen der äthiopischen Regierung im ersten Halbjahr 2011 auf Lebensmittelhilfslieferungen angewiesen sein. Vertreter von Hilfsorganisationen, die anonym bleiben möchten, glauben, dass die echten Zahlen viel höher sind, dass die Regierung die Zahlen wissentlich geschönt hat, um zu zeigen, dass die seit Jahrzehnten ins Land fließenden Entwicklungshilfe-Millionen auch ankommen.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) versorgt derzeit rund zwei Millionen der offiziell 3,2 Millionen Hilfsbedürftigen mit Lebensmitteln. Teilweise müssen Kriegschiffe der Nato die mit Getreide beladenen WFP-Schiffe durch die piratenverseuchten Gewässer bis in die Häfen Dschibutis und Nordsomalias begleiten, von dort geht es auf staubigen Pisten weiter. Doch auch auf dem Land sind die UN-Transporte nicht immer sicher. Zum Schutz vor Terroristen und Rebellen werden manche Hilfslieferungen von schwerbewaffneten Soldaten begleitet. 88.000 Tonnen Getreide, 10.000 Tonnen Hülsenfrüchte, 11.000 Tonnen Spezialnahrung für Alte, Kranke, Kinder und stillende Mütter und 3000 Tonnen Öl wollen die UN-Leute bis Ende Juni verteilen. Kosten: mehr als 65 Millionen Euro.

Doch führen die teuren Hilfslieferungen die Bauern und Nomaden nicht in ewige Abhängigkeit? "Nein", sagt George Fedah, Chef des WFP-Programms in der Somali-Region. "Die Hilfslieferungen erfolgen lediglich in Notzeiten, wie jetzt, während der Dürre. Sobald die Menschen wieder für sich selbst sorgen können, erhalten sie von uns auch keine Lebensmittel mehr." Auch wenn die an extreme Trockenheit gewöhnten Bewohner der Region sagen, dass sie sich kaum an eine schlimmere Dürre erinnern können, glaubt George Fedah, dass eine Hungersnot wie 1984/85 sich nicht wiederholen wird. "Die Katastrophe traf damals alle unvorbereitet. Die äthiopische Regierung und die Hilfsorganisationen haben mittlerweile Vorkehrungen getroffen, um das Schlimmste zu verhindern", sagt der erfahrene Entwicklungshelfer.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-05-13 22:05:00
Letzte Änderung am 2011-05-13 22:08:00


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