Wien. Von Akademikermangel kann hier keine Rede sein: Auf einen Schlag haben die Wiener Unis 2000 neue Absolventen mehr. Und sie haben in Rekordzeit studiert: Nach nur zwei Wochen dürfen sich die Teilnehmer der Kinderuni am Samstag in einer feierlichen Sponsion den Titel "Magister/Magistra universitatis iuvenum" abholen. Insgesamt schnupperten dieses Jahr rund 4300 Kinder Universitätsluft. Aus 495 Vorlesungen, Workshops und Seminaren konnten die Sieben- bis Zwölf-Jährigen wählen, was sie lernen möchten. Sie löcherten die Vortragenden mit Fragen - die "Wiener Zeitung" war dabei.
Bei der Vorlesung "Wohin fließt das Blut?" an der MedUni geht bei nahezu jedem Folienwechsel der Powerpointpräsentation ein "Wooooow!" durch die Reihen. Nach Kräften schreien die Kinder zu allen von den Vortragenden gestellten Fragen Antworten heraus. Anschaulich wird ihnen der Kreislauf und die Zusammensetzung von Blut erklärt.
Wiederbelebungsversuch
an einem Teddybären
Begeistert sind die jungen Zuhörer, als eine riesige Stofftier-Giraffe in den Vorlesungssaal geschoben wird. "Ich will später Tierarzt werden! Deshalb hat es mir sehr gefallen, dass der Blutkreislauf anhand einer Giraffe erklärt wurde!", erzählt Leon (8) nach der Vorlesung aufgeregt. Auch Bettina (9), die Kinderärztin werden möchte, ist beeindruckt und liest aus ihrer Mitschrift die Bedeutung der Begriffe Systole und Diastole vor. Stolz erklärt sie, dass es dabei um die Entspannungs- beziehungsweise Anspannungsbewegung der Herzkammern geht: "So wird das Blut durch den Körper geschickt!"
In der ersten Woche der Kinderuni fand an der MedUni außerdem ein Erste-Hilfe-Kurs für Kinder statt. Statt Plastikpuppen wurden hier jedoch Teddybären wiederbelebt und statt dem langweiligen, herkömmlichen Taktzählen wird im Rhythmus zu "I will survive" gepumpt.
An einem anderen Standort, am Campus im Alten AKH, erzählen die jungen Teilnehmer, welche Veranstaltungen sie besonders spannend gefunden haben. "Sehr toll fand ich die Vorlesung ‚Wo hat George Lucas abgeschrieben?‘ Wir haben viele Filmausschnitte verglichen. Viele waren sehr ähnlich", meint Michael (12).
Max’ (10) Favorit war der Workshop "Spaß und Spannung mit Physik": "Wir haben eine Rose in flüssigen Stickstoff getaucht. Als wir sie danach auf den Tisch geschlagen haben, ist sie in tausend Teile zerbrochen!" Auch Felix (10) erzählt: "Mir hat ,Was geschieht bei Gericht?‘ am besten gefallen. Das war spannend. Ich will aber später nicht am Gericht arbeiten, sondern Steuerberater werden", erzählt er mit vollem Elan. Von seinen Eltern hat er diese Idee wider Erwarten nicht.
Eine Erklärung, warum sich nicht alle Länder vertragen und es auf der Welt oft so ungerecht zugeht, suchen die Teilnehmer am Workshop "Warum ist Frieden so schwierig?". Anhand eines Rollenspiels wird die Problematik verständlich. Die Kinder werden in vier Gruppen eingeteilt - jede erhält alle jeweils zur Verfügung stehenden Gutscheine für Becher, Strohhalme, Sirup und Wasser. Nun sollen sie untereinander tauschen, sodass am Ende jedes Kind einen Gutschein von jeder "Ressource" hat und sich so jeder einen Saftbecher holen kann. Das Problem ist, dass auf den Gutscheinen verschiedene Tauschwerte stehen. So haben Strohhalme den Tauschwert 4, während Becher nur den Wert 2 haben. Durch die ungleiche Verteilung ergibt sich also auch ein ungleiches Ergebnis.
Wie die Ungerechtigkeit
in die Welt kommt
Die Strohhalm-Gruppe, als Besitzer der Gutscheine mit dem höchsten Wert, hat am Ende mehr fertige Saftbecher als die anderen. Während des Spiels versucht ein Kind, das erkannt hat, dass es nicht genug Gutscheine bekommen wird, unauffällig einen Gutschein einer Gruppe einfach mitzunehmen. Lotta (11) bemerkt das aber sofort: "Jetzt weiß ich, warum es in der wirklichen Wirtschaft so viele Betrüger gibt!" Die Kinder werden mit einem weiteren Problem konfrontiert: "Die Strohhalm-Gruppe hat jetzt zu viele Becher. Was passiert, wenn ein Land zu viel von einem Produkt hat?" Die Kinder rufen: "Es wird weggeschmissen!" Mara (10) meint dazu: "Aber man kann das doch auch verschenken . . . Wenn alle Gruppen gleich viel Saft haben, dann wäre es gerecht."
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