• vom 20.07.2012, 17:54 Uhr

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Gedenken mit schalem Beigeschmack


Von WZ-Korrespondent Thomas Hug

  • Ein Jahr nach den Breivik-Attentaten ist der Alltag zurück - und der Rassismus.

Rückkehr nach Utöya: Die Angehörigen der Opfer wollen den Ort des Massakers am Sonntag noch einmal besuchen. - © dapd

Rückkehr nach Utöya: Die Angehörigen der Opfer wollen den Ort des Massakers am Sonntag noch einmal besuchen. © dapd

Oslo. Der Sommer ist wieder da und das ist in ganz Norwegen zu spüren. Auch wenn das Wetter nicht immer unbedingt einladend ist, verlagert sich das Leben von den Städten hinaus in die Natur. Wer nicht gerade in südlicheren, wärmeren Gefilden weilt, packt seine Sachen und verbringt seinen Urlaub in einer idyllischen Hütte oder auf einem Boot. Doch am kommenden Sonntag wird diese Ferienstimmung jäh unterbrochen. Am 22. Juli ist es genau ein Jahr her, seit Anders Behring Breivik Norwegen ebenfalls aus der Ferienstimmung gerissen hatte, als er zunächst mit einer selbst gebauten Bombe im Regierungsviertel von Oslo acht Menschen tötete und anschließend beim Sommerlager der sozialistischen Jugend auf Utöya 69 Menschen kaltblütig und größtenteils von Angesicht zu Angesicht ermordete.

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Dieser für die meisten Norweger immer noch unfassbaren Tat, mit der Breivik auf die vermeintliche Islamisierung seines Landes aufmerksam machen wollte, wird man an diesem Sonntag bei verschiedenen Veranstaltungen gedenken. Am Osloer Ratshausplatz wird ein großes Gedenkkonzert veranstaltet, im Regierungsviertel wird ein Kranz niedergelegt. Spezielle Gedenkgottesdienste finden in der Osloer Domkirche und in der Kirche von Hole im Bezirk Ringerike statt, wo sich Utöya befindet. Die Insel selbst wird am Sonntag von Angehörigen der Opfer besucht. Am Nachmittag organisieren die jungen Sozialdemokraten (AUF) eine Gedenkveranstaltung, bei der unter anderem Ministerpräsident Jens Stoltenberg, die dänische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt und der Vorsitzende der Jungsozialdemokraten, Eskil Pedersen, Reden halten werden.

Rechte auf dem Vormarsch
Die Aufarbeitung des Attentats geht unterdessen weiter. Am 13. August wird die Untersuchungskommission ihren Schlussbericht veröffentlichen. Das Gremium will laut seiner Vorsitzenden Alexandra Bech Gjörv ungeschminkt und ehrlich darüber berichten, was am 22. Juli geschah und wie gut oder schlecht Behörden und Polizei darauf reagiert hatten. Am 24. August schließlich wird das Urteil gegen Attentäter Anders Behring Breivik verlesen. Nach dem Prozessende im Juni war in Norwegen vor allem diskutiert worden, ob die Richter der Staatsanwaltschaft folgen und Breivik in die Psychiatrie einweisen sollen oder ob es nicht gerechter wäre, ihn für zurechnungsfähig zu erklären und ihn ins Gefängnis zu schicken.

In vielen anderen Bereichen ist ein Jahr nach dem Massaker hingegen wieder der Alltag eingekehrt. So hatte die sozialdemokratische Arbeiterpartei nach dem Attentat in Meinungsumfragen sehr gute Resultate erzielt, während die rechtspopulistische Fortschrittspartei für ihre Nähe zu Breivik abgestraft worden war - der rechtsextreme Islamhasser war einst aktives Mitglied der Partei gewesen. Das politische Kräfteverhältnis hat sich inzwischen normalisiert, die Fortschrittspartei ist wieder auf dem Vormarsch und die regierende rot-grüne Koalition wird bei den Parlamentswahlen in gut einem Jahr mit der konservativen Partei Höyre einen ernst zu nehmenden Gegner haben.

Roma sorgen für Aufruhr
Auch mit der Solidarität und Nächstenliebe ist es nicht mehr so weit her. Diesen Sommer hatte sich eine Gruppe von Roma in Oslo niedergelassen, die zuerst auf der Straße kampierte und dann auf dem Areal der Sofienberg-Kirche. Dort wurden sie weggeschickt und fanden schließlich eine provisorische Bleibe in einer Kiesgrube außerhalb Oslos. Die Roma hatten dank der Bestimmungen des Europäischen Wirtschaftsraumes einreisen können. Doch da die meisten bettelten, löste ihr Aufenthalt in Norwegen schnell hitzige Diskussionen aus. Bald schon wurden die Roma im Internet und in sozialen Netzwerken mit Worten beschimpft, die in eine Rhetorik der Gewalt übergingen. Die Roma seien wie die Invasion der Braunschnecken, sie seien wie Kinder, hätten keine Selbsteinsicht und seien nicht sauber. Selbst dass man ihnen gerne zum Selbstmord verhelfen werde, stand da zu lesen.

Schockiert fragte eine Zeitungskommentatorin, ob man nichts aus dem 22. Juli gelernt habe, wenn man - kurz bevor die Nation mit einer Gedenkfeier gegen Hass und Rassismus Stellung nehmen will - solche Tiraden loslassen könne. Auch Regierungschef Stoltenberg war zuletzt intensiv darum bemüht, das Bild zu korrigieren: Die Anfeindungen gegen Roma stimmen nicht mit den wichtigsten norwegischen Werten überein, sagte er zum Sender NRK. "Toleranz, Vielfältigkeit, Demokratie und Offenheit sind die Werte, die in der norwegischen Gesellschaft stark sind."




Schlagwörter

Norwegen, Terrorismus, Islam

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Dokument erstellt am 2012-07-20 17:59:08


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