
Wien. Als James Holmes während der Premiere des neuen Batman-Films "The Dark Knight Rises" in Saal 9 des Century-Kinos in Aurora stürmte und zwölf Menschen tötete, tat er das mit einer Glock. Der 24-jährige Dissertant aus Colorado reiht sich damit in eine lange Liste ein. Bei so gut wie allen Amokläufen der vergangenen Jahre kamen die mattschwarzen Pistolen aus Österreich zum Einsatz. Anders Behring Breivik benutzte seine mit Runenschrift verzierte Glock, um die meisten seiner 69 Opfer auf Utöya zu ermorden, Jared Lee Loughner hatte ebenfalls eine Glock, als er bei einem missglückten Attentat im Jahr 2011 die US-Abgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzte und sechs weitere Menschen tötete. Das Virgina-Tech-Massaker mit 32 Toten wurde mit einer Glock begangen, ebenso der Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium im deutschen Erfurt.
Doch warum ausgerechnet die Glock? Was macht die Waffe, die jeder österreichische Streifenpolizist im Dienst trägt, so attraktiv für Massenmörder? Bleibt man an der Oberfläche, ist die Antwort auf diese Fragen schnell gefunden. Die Glock ist eine unglaublich effiziente Waffe, vor allem wenn man sie mit einem traditionellen Revolver vergleicht. In Kombination mit dem leichtgängigen Auslösemechanismus erlaubt das Semiautomatik-Prinzip dem Schützen, eine große Anzahl an Schüssen in kurzer Zeit abzufeuern. Besonders macht die Glock zudem ihre Magazinkapazität: Je nach Version fasst dieses zwischen 13 und 17 Patronen, in einer extragroßen Version, die dann weit aus dem Pistolenschaft herausragt, finden sogar 33 Kugeln Platz. Damit lässt sich bereits massiver Schaden anrichten, bevor zum ersten Mal nachgeladen werden muss.

Will man allerdings verstehen, welcher Mythos in den vergangenen 30 Jahren um diese Waffe herum entstanden ist, genügt es aber nicht, bei Magazinkapazitäten und Feuergeschwindigkeiten stehenzubleiben. Man muss zurückgehen ins Jahr 1982, als die Glock erfunden wurde. Damals arbeitete Gaston Glock als leitender Angestellter in einer Fabrik, die Kühler herstellte, gemeinsam mit seiner Frau betrieb er nebenbei eine Art Garagenfirma und verkaufte über diese Vorhangstangen, Gürtelschnallen und Messer. Durch einen Zufall hatte Glock Wind davon bekommen, dass das österreichische Bundesheer 20.000 neue Handfeuerwaffen anschaffen wollte, aber unzufrieden mit den am Markt vorhandenen Produkten war.
Kunststoff statt Metall
Glock, der Bastler und Erfinder, hatte wenig bis keine Ahnung von Pistolen, doch er wollte die Gunst der Stunde nutzen. Auf einem weißen Blatt Papier und unbeeinflusst von bestehenden Design-Konzepten entwickelte er eine völlig neuartige Waffe. "Dass ich nichts wusste, war mein Vorteil", sagte Glock später einmal in einem Interview. Anders als bei den Konkurrenzprodukten bestanden große Teile der Pistole aus Kunststoff, und es gab auch keine traditionelle Auslösesicherung. Dass sich ein Schuss unabsichtlich löst, sollte durch einen kleinen Hebel, der im Abzugshahn integriert wurde, verhindert werden. Durch den neuartigen Materialmix aus Kunststoff und Metall war die Glock extrem leicht; die simple, aber überaus durchdachte Technik machte sie extrem zuverlässig und wartungsarm. Und noch einen Vorteil bot der Fertigungsprozess: Trotz hoher Gewinnmargen konnte Glock seine Pistole zu mehr als konkurrenzfähigen Preisen anbieten.
Mit dem Zuschlag des österreichischen Bundesheers hatte der plötzlich zum Waffenfabrikanten gewordene Tüftler zwar das erste große Geschäft in der Tasche, doch nicht unbedingt eine Idee; wie es danach weitergehen sollte. Erst langsam und durch Gespräche mit Karl Walter, einem von Glocks zukünftigen Angestellten, wurde die Marschrichtung klar: Wirklich viel Geld könnte man, verdienen, wenn es gelänge, die Polizeieinheiten in den USA zum Umstieg von Revolvern auf Pistolen zu bewegen.
Der Zeitpunkt dafür war ausgesprochen günstig. "In den 1980er Jahren war die Drogen- und Gewaltkriminalität in den USA massiv angestiegen. Viele Polizisten fühlten sich mit ihren schwerfälligen Revolvern damals von der Gegenseite überrannt", erzählt Paul Barrett, der den Aufstieg der österreichischen Pistole in seinem Buch "Glock: The Rise of Americas Gun" nachgezeichnet hat, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Die Glock wurde damit plötzlich zum Retter der amerikanischen Polizeikräfte. Viele Beamte stiegen innerhalb kürzester Zeit auf die neue Pistole um." Heute tragen schätzungsweise zwei Drittel der US-Polizisten und ein Großteil der FBI-Beamten eine Glock in ihrem Halfter.
Für den noch viel größeren - und damit auch lukrativeren - Markt an zivilen Waffen blieb das nicht ohne Folgen. "Die Waffenbesitzer in den USA schauen seit jeher auf die Polizeikräfte, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was derzeit das Beste ist", sagt Barrett.
Den Waffengegnern war die Glock allerdings von Anfang an ein Dorn im Auge. Alles, was sie so populär machte, von der hohen Feuergeschwindigkeit bis hin zum großen Magazin, wurde als triftiger Grund gesehen, warum die schwarze Pistole nicht in private Hände gelangen sollte. "Die Glock ist nicht unbedingt geeignet, um damit auf die Jagd zu gehen oder sie für den persönliche Schutz einzusetzen", sagte Paul Helmke, der Präsident der Brady-Kampagne gegen Waffengewalt, unmittelbar nach dem Giffords-Attentat. "Diese Waffe ist gut darin, viele Menschen in kurzer Zeit zu töten oder zu verletzten."
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