• vom 09.08.2012, 16:53 Uhr

Chronik

Update: 09.08.2012, 21:46 Uhr
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USA fühlen sich nicht verantwortlich

Agent Oranges langer Schatten


Von Ronald Schönhuber

  • Bis heute werden in Vietnam Kinder mit schweren Missbildungen geboren.

Der schmutzige Krieg: Die USA versprühten 80 Millionen Liter Agent Orange von Flugzeugen und von Bodenfahrzeugen.

Der schmutzige Krieg: Die USA versprühten 80 Millionen Liter Agent Orange von Flugzeugen und von Bodenfahrzeugen.US Army - Public Domain Der schmutzige Krieg: Die USA versprühten 80 Millionen Liter Agent Orange von Flugzeugen und von Bodenfahrzeugen.US Army - Public Domain

Danang. Jahrelang hatte Ngyuen Thi Bin geglaubt, das sei die Strafe für Sünden in einem vorigen Leben. Wie sonst ließe es sich erklären, dass gleich drei ihrer fünf Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt kamen? Wie sonst kann man verstehen, dass die mittlerweile erwachsenen Töchter noch immer wie Fünfjährige auf dem Boden herumrutschen und kaum aufstehen können? Doch erst mit der Zeit und durch die Aufklärungsarbeit von Selbsthilfegruppen begriff die heute 78-Jährige, dass nicht sie schuld am Schicksal ihrer Töchter war, sondern der Danang Luftwaffenstützpunkt, in dessen nächster Umgebung die Familie lebt.

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Während des Vietnamkriegs war die Fliegerbasis Dreh- und Angelpunkt für das großflächige Entlaubungsprogramm der US-Streitkräfte gewesen. Der Großteil der 80 Millionen Liter Agent Orange, die die Amerikaner über dem vietnamesischen Dschungel versprüht hatten, um den Soldaten des kommunistischen Nordens die Deckung zu nehmen, war in Danang gelagert und aufbereitet worden.

US-Soldaten verdünnten das dioxinhältige Herbizid hier mit Wasser und verluden es anschließend in die Flugzeuge. Was dabei von der hochgiftigen Flüssigkeit verschüttet wurde, versickerte im Boden oder wurde über Regenwasser in Abwasserkanäle oder nahe Gewässer gespült. "Während des Kriegs mussten wir oft unseren Mund bedecken, weil der seltsame Geruch so stark war", erzählt Ngyuen gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

"Zusammenhang ungewiss"
Eine Geschichte, die genauso oder so ähnlich klingt wie die der 78-Jährigen, können in Vietnam viele erzählen. Laut Regierungsangaben waren drei Millionen Vietnamesen Agent Orange ausgesetzt, eine Million davon erlitten schwere Gesundheitsschäden.

Doch das Entlaubungsgift ist alles andere als ein Problem der Vergangenheit. Weil sich das Dioxin in der Natur kaum abbaut, ist es noch Generationen später im Boden verhaftet und gefährdet jeden, der damit in Berührung kommt. In Danang etwa liegt der Dioxingehalt noch immer um das 400-Fache über den international zulässigen Grenzwerten, in zwei anderen Hotspots kamen mehrere Studien zu ähnlichen Ergebnissen. In Folge der anhaltenden Giftbelastung werden auch heute noch Kinder mit schweren Missbildungen geboren, die Krebsraten sind um ein Vielfaches höher als in anderen Ländern.

Die Amerikaner tun sich allerdings bis heute schwer, die umfassende Verantwortung für ihre toxischen Hinterlassenschaften zu übernehmen. 37 Jahren mussten seit Kriegsende vergehen, ehe die USA sich nun erstmals an der Beseitigung der Umweltschäden beteiligen. Im Zuge des am Donnerstag gestarteten Projekts sollen in Danang 73.000 Kubikmeter verseuchtes Erdreich dekontaminiert werden. Dabei wird das belastete Material in speziellen Öfen auf eine Temperatur erhitzt, bei der der giftige Wirkstoff in unbedenkliche Bestandteile zerfällt.

"Wir räumen hier auf", sagt US-Botschafter David Shear. Doch schon an Shears Nachsatz, wonach die USA der geschädigten vietnamesischen Bevölkerung ungeachtet der Ursache verpflichtet seien, lässt sich ablesen, dass sich an der grundsätzlichen Linie nicht viel geändert hat. Laut offizieller US-Lesart gilt der Zusammenhang zwischen Agent Orange und den Missbildungen in Vietnam als "ungewiss". Und während US-Veteranen bereits Millionen Dollar Entschädigung für Krankheiten im Zusammenhang mit Agent Orange bekommen haben, erhielt bis jetzt noch kein einziger Betroffener in Vietnam direkt Geld von den USA. Im Jahr 2009 wurde eine Schadenersatzklage einer vietnamesischen Opfergruppe vom US Supreme Court nicht einmal zugelassen.

Dass man jetzt 43 Millionen Dollar in die Dekontaminierung investiert, hängt vor allem mit China zusammen. Die seit einigen Jahren immer stärker artikulierten Gebietsansprüche des Reichs der Mitte im südchinesischen Meer lassen die alten Feinde USA und Vietnam zusammenrücken. Für die Betroffenen in Danang haben derartige geopolitische Überlegungen allerdings keine Bedeutung. "Aus meiner Sicht kommt die Sanierung um Jahre zu spät", sagt Ngyuen Thi Hien von der Opfervereinigung VAVA. "So viele Menschen sind bereits krank."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-09 16:59:11
Letzte Änderung am 2012-08-09 21:46:08


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