• vom 11.08.2012, 08:00 Uhr

Chronik

  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Wegen eines schrecklichen Sturmunfalles wird gegen einen Ortschef wegen fahrlässiger Tötung ermittelt

Bürgermeister am Schleudersitz


Von Christoph Rella

  • Ortschefs haften für alles und jeden, klagt Gemeindebund-Chef Mödlhammer.

Graz/St. Pölten.

Bei einem Unglück wie in Pöchlarn haften die Veranstalter und oft der Bürgermeister.

Bei einem Unglück wie in Pöchlarn haften die Veranstalter und oft der Bürgermeister.© APA/PAUL PLUTSCH Bei einem Unglück wie in Pöchlarn haften die Veranstalter und oft der Bürgermeister.© APA/PAUL PLUTSCH

In den Gemeindestuben geht die Angst um. Und zwar vor dem langen Arm der Justiz. Hintergrund sind nicht Amtsmissbrauch oder Korruption, sondern Sturmunfälle wie jener bei einem Mittelalterfest im Schlosspark von Pöchlarn, wo zwei Gäste von herabstürzenden Ästen getötet sowie ein Dutzend weitere verletzt worden waren. Dass im konkreten Fall gegen einen Ortschef wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung ermittelt wird, lässt in Österreichs Bürgermeisterzunft niemanden kalt.

Werbung

Immerhin drohen Alfred Bergner, der als Oberhaupt der Stadt das Unglücksfest im Park genehmigt hatte, bis zu ein Jahr Gefängnis. Der Verdacht der Justiz: Der Bürgermeister habe jenen Baum, der am 28. Juli mehrere Personen unter sich begraben hatte, nicht kontrollieren lassen und dadurch die Aufsichtspflicht verletzt. Was Bergner freilich bestreitet. Es habe sehr wohl eine Firma mit der Prüfung beauftragt, allerdings sei die Kontrolle "wegen der Urlaubszeit" aufgeschoben worden. Allein die Baumpfleger wollen sich nun an den Auftrag Bergners nicht erinnern.

Wer letzten Endes an der Tragödie die Schuld trägt, soll nun die Staatsanwaltschaft St. Pölten klären. "Für uns geht es jetzt einmal um die Frage, ob der Baum schadhaft war oder nicht", betont die leitende Staatsanwältin Michaela Schnell. Wenn nicht, könnte Bergner aufatmen, weil so die ganze Sache mit dem Vermerk "höhere Gewalt" zu den Akten gelegt werden könnte. Aber so richtig daran glauben will niemand. Schon gar nicht Bergners Bürgermeisterkollegen, wie ein Rundruf der "Wiener Zeitung" durch mehrere Amtsstuben ergeben hat. Die Politiker haben sich dort mit der Tatsache, dass sie bei Veranstaltungen immer und überall irgendwie haften, bereits abgefunden.

Bürgermeister unter Druck
Dabei sehen sich die Bürgermeister nicht nur dem Druck der Gerichte, sondern auch der Lokalbevölkerung ausgesetzt. "Wenn man zum Beispiel der Feuerwehr das Fest nicht genehmigt, sind sie einem ewig böse, sagst aber nichts und es passiert etwas, dann fragt sich jeder, warum es genehmigt wurde", bringt es ein Bürgermeister, der anonym bleiben möchte, auf den Punkt. So gesehen sei es für einen Lokalpolitiker auch keine Schwierigkeit, zum Spielverderber zu werden. Nicht nur, was den Zustand von Bäumen betrifft: So fällt auch die Beurteilung von Brandschutz und Fluchtwegen in die Kompetenz des Ortschefs.

Daran, dass die Bürgermeister zu viel Verantwortung tragen und auch von der Justiz zu "hart" behandelt werden, glaubt man auch beim Österreichischen Gemeindebund. "Wenn es so weitergeht, haben wir bald keine Bürgermeister oder keine Feste mehr, weil diese nicht mehr erlaubt werden", erklärt ihr Präsident, Helmut Mödlhammer, gegenüber der "Wiener Zeitung" und appelliert gleichzeitig an die Justiz, bei den Ortschefs Milde walten zu lassen. Zumal es hier zuletzt immer wieder zu sehr kuriosen Urteilssprüchen gekommen sei. Als Beispiel nennt der Gemeindevertreter den Fall eines Bürgermeisters, der infolge eines tödlichen Unfalls bei einem Gaudi-Skirennen wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht saß, obwohl er nur die Siegerehrung im Ort genehmigt hatte und mit dem Rennen selbst nichts zu tun hatte. "Es gibt schon so etwas wie Eigenverantwortung, es kann nicht immer der Bürgermeister verantwortlich sein", bekräftigt Mödlhammer.

Was den aktuellen Fall in Pöchlarn betrifft, so droht neben dem Gemeindechef nun auch den Veranstaltern ein Gerichtsverfahren. Und auch hier lautet der Verdacht auf fahrlässige Tötung, da die Organisatoren das Festgelände angesichts des aufkommenden Sturms nicht geräumt hatten.

Keine Gefahr für Zeltfeste?
Die Einzigen, die keine Angst vor dem Staatsanwalt zu haben scheinen, sind die Freiwilligen Feuerwehren. Dort läuft die Zeltfestsaison bis Ende September. Dass Besucher durch umstürzende Bäume oder Blitzschlag verletzt werden könnten, glaubt man nicht. "Unser Zelt hält Windstärken von 120 Stundenkilometern aus", erklärt etwa Erich Weberhofer, Feuerwehrkommandant von St. Lorenzen im Mürztal, auf Anfrage. Das Fest, das am 18. August startet, sei vom Bürgermeister genehmigt und auch das Zelt von einem Statiker abgenommen worden.

Probleme mit der Justiz könnte Weberhofer nur dann bekommen, sollte er - wie in Pöchlarn geschehen - die Besucher bei drohender Gefahr nicht rechtzeitig evakuieren. Im Bundesfeuerwehrverband sieht man diese Gefahr gelassen: Demnach hätten die Kommandanten das "nötige Gespür, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen". Ob dazu auch schadhafte Bäume zählen, ist nicht überliefert.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-10 15:02:06
Letzte Änderung am 2012-08-10 15:08:07


Beliebte Inhalte



 "Frühstück mit dem Kanzler" in Wien. - Creative Commons
  • Kanzler gegen "Einmischung" Stronachs in die Politik.
  • Im Gespräch mit Jugendlichen verteidigt er Gewerkschaften und bekräftigte Forderung nach Verlängerung der Bankenabgabe.
  • weiter

RBI-Chef Herbert Stepic stellt seine Funktion als CEO zur Verfügung. - APAweb / Hans Klaus Techt
  • "Mr. Osteuropa" verabschiedet sich von seinem "Lebenswerk"
  • weiter

  • Wie man Schüler mit Sprachdefiziten fördert, sollen Direktoren entscheiden.
  • weiter

"Ostpionier" Stepic ist seit 2001 RBI-Chef. Sein Name scheint als einer von 130.000 in der Offshore-Leaks-Datenbank auf. - apa/Pfarrhofer
  • Wohnungskäufe über Offshore-Firmen rufen Raiffeisen und FMA auf den Plan.
  • weiter

In knapp mehr als vier Minuten - 20 hätte er gehabt - handelte Faymann, ganz ohne einleitende Worte, die 15 Fragen ab. - APAweb/Jäger
  • Kanzler versicherte mehrfach, dass das Bankgeheimnis für Steuer-Inländer nicht angetastet wird.
  • weiter

Am "Internationalen Tag der Pflege" haben sich die Seniorenvertreter von SPÖ und ÖVP für die Abschaffung des Pflegeregresses in der Steiermark ausgesprochen. - APAweb / Barbara Gindl
  • Frühere Angleichung des Frauenpensionsalters für Khol "keine aktuelle Frage"
  • weiter

Tier- und Wasserschutz sind nun in der Verfassung verankert. - APAweb/Ole Spata dpa/lni
  • Einigung zwischen Koalition und Freiheitliche am Rande der Nationalratssitzung.
  • weiter

FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl bei seiner Rede über "Sozialtourismus". - APAweb / Robert Jäger
  • Hundstorfer ärgert sich über "Demagogie" der Freiheitlichen.
  • weiter

Alle Lehrer werden Master. Auch Volksschullehrer müssen länger studieren. - apa/Georg Hochmuth
  • Alle Sekundarlehrer erhalten dieselbe Ausbildung; Mobilität wird erhöht.
  • weiter

  • Vizechef Norbert Hofer dementiert rassistische Aussagen.
  • weiter




Werbung




1930 - 2013

Der Farbmagier Gotthard Graubner ist tot

Neuss. Seine Bilder hängen im Berliner Reichstag und beim Bundespräsidenten: Gotthard Graubner war berühmt für seine riesigen abstrakten Farbflächen -... weiter




Chansonnier und Komponist

Trauer um Georges Moustaki

20130523MOUSTAKI - APAweb / EPA/NABIL MOUNZER (dpa / ja) Georges Moustaki ist tot. Der berühmte Chansonnier, Schöpfer von Welterfolgen wie "Milord", starb im Alter von 79 Jahren in Nizza... weiter




Filmemacher starb Horst Königstein im Alter von 67 Jahren in Hamburg

Abschied vom Pionier des Doku-Dramas

Die Manns "Die Manns" und "Speer und Er" tragen seine Handschrift: Horst Königstein, der renommierte Filmemacher und Pionier des Doku-Dramas, ist tot... weiter




Nach der Fußball-Laufbahn wurde er zum Star in der NFL

Ex-Teamspieler Toni Linhart gestorben

Toni Linhart Der ehemalige österreichische Fußball-Teamspieler und NFL-Profi Toni Linhart ist tot. Wie der österreichische Fußballbund (ÖFB) auf seiner Website... weiter




Unglück beim Training für den America's Cup

Olympiasieger Simpson verunglückt

20130510simpson - APAweb / AP, Noah Berger San Francisco. Der Segel-Sport trägt Trauer: Der britische Olympiasieger Andrew "Bart" Simpson ist am Donnerstag bei einem Trainingsunfall in der... weiter




Haremsdame vor dem Rathaus

Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971, Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers.

Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. "Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten.

Werbung