Apia. Die sieben Stufen hinauf zur Schlafklinik sind für die schwergewichtige Samoanerin eine Hürde, die sie nur mit Verschnaufen schafft. Die 34-Jährige, bei einer Größe von etwa 1,55 Metern mehr als 110 Kilo schwer, holt sich an diesem Samstag in der Klinik in Apia, der Hauptstadt das Südseestaats Samoa, ein Atemgerät ab. "Schlaf-Apnoe, Atemstillstand im Schlaf - ein Riesenproblem hier", sagt Klinikleiter Walter Vermeulen. "Früher kamen Leute über 45, heute sind viele Patienten in ihren Zwanzigern."
In Samoa und auf anderen Pazifik-Inselstaaten gibt es so viele Fettleibige wie kaum anderswo in der Welt. In Samoa gelten nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 60 Prozent der Frauen als schwer übergewichtig, in Mikronesien sind es 75, in Tonga 78 und auf Nauru 80 Prozent. Der Preis für die Fett-Epidemie ist enorm: Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Zucker, Gicht. Weil kaum einer versichert ist, sterben viele Menschen daran. Jeder vierte sei inzwischen zuckerkrank, sagte Gesundheitsminister Tuitama Talalelei Tuitama zum Auftakt einer Fitnesswoche im November 2011.
Starker Anstieg
"Die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Kinder ist bei Mädchen von zwei Prozent 1982 innerhalb von 20 Jahren auf 14,3 Prozent gestiegen", sagte er. Premierminister Tuilaepa Sailele Malielegaoi, seit 1998 im Amt, ist mit seiner Körperfülle nicht gerade ein leuchtendes Vorbild für seine Landsleute. Das Problem: "Fettleibigkeit vorzubeugten und zu behandeln ist in den Pazifik-Staaten deshalb schwierig, weil die traditionelle Kultur Körperfülle als Zeichen von Reichtum und Macht betrachtet", hieß es schon vor zehn Jahren in einem WHO-Bericht zum Thema.
"Essen bringt Status. Beim Essen werden soziale Kontakte gepflegt und wirtschaftliche und politische Allianzen geschlossen - Essen hat einen Platz in der Gesellschaft und gibt kulturelle Identität", sagte Jimaima Schultz, Ernährungsspezialistin von den Fidschi-Inseln bei einem Workshop zu Fettleibigkeit in Samoa. "Pazifik-Bewohner denken bei 'dick' an gesund, gut gepflegt, reich, konkurrenzfähig, in westlicher Denkweise bedeutet 'dick' dagegen niedriger Status, schlechte Ausbildung, Gier, mangelnde Selbstkontrolle."
"Unsere Gesellschaft hat viele Schichten, je höher man kommt, desto mehr große Dinner gibt es und desto weniger bewegt man sich - dafür hat man dann andere Leute," sagt Nina von Reiche, die sich mit ihrem Fitness-Studio in Apia besonders an Übergewichtige wendet. "Bei allen Festen von Hochzeiten bis zu Beerdigungen geht es nur ums Essen." Von Reiche ist Samoanerin, einer ihrer Vorfahren kam während der deutschen Kolonialzeit Anfang vergangenen Jahrhunderts ins Land. "Dick zu sein gilt immer noch als Statussymbol", sagt sie. "Die Haltung hat sich nicht geändert, sie wird nur noch schlimmer." Dann startet sie eine schweißtreibende Fitnessstunde auf dem Stepper. "Los Mädchen, lasst uns die Pfunde bewegen!" ruft sie zu knalliger Musik.
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