• vom 01.07.2014, 15:36 Uhr

Chronik


UNESCO-Weltkulturerbe

Großmugl an der Milchstraße




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Von Petra Tempfer

  • Ein kleiner Weinviertler Ort setzt alles daran, dass sein Sternenlicht zum Unesco-Welterbe wird.

Großmugl. Es ist die Kombination von Dunkelheit und Licht, die der 1600-Seelen-Gemeinde Großmugl im Weinviertel zu Weltruhm verhelfen soll. Dunkelheit und Licht - das ist ja ein Widerspruch in sich? Nun, es geht um das Sternenlicht. Und das ist erst dann am besten sichtbar, wenn es so dunkel wie möglich ist. Hier kommt Großmugl (Bezirk Korneuburg) nördlich von Wien ins Spiel: Abgeschirmt von der Großstadt durch den Bisamberg ist es in der niederösterreichischen Gemeinde so dunkel, dass in klaren Nächten bis zu 5000 Sterne und sogar die Milchstraße am Himmel zu sehen sind. Gemeinsam mit Astronomen setzt der Weinviertler Ort nun alles daran, dass sein Sternenlicht in die Welterben-Liste der Unesco aufgenommen wird.

Günther Wuchterl, Leiter der Sternwarte des Vereins "Kuffner-Sternwarte" in Wien, bezeichnete es als "astronomisches Wunder", als er vor fünf Jahren auf Satellitenbildern einen kleinen schwarzen Fleck von wenigen Quadratmetern Größe über Großmugl entdeckte. Der Fleck bedeutete, dass hier keinerlei Lichtquellen der Umgebung hinstrahlen. Es war der Anfang eines langwierigen Prozesses mit dem Ziel, das "Recht auf Sternenlicht" in der Gesellschaft zu verankern.


Prähistorische Reste in authentischem Nachtlicht
In Großmugl geht es laut Wuchterl auch darum, prähistorische Reste in authentischem Nachtlicht zu zeigen. Konkret ist es ein weithin sichtbarer Grabhügel (der Leeberg) aus der älteren Eisenzeit zwischen 800 und 450 v. Chr., der der Gemeinde ihren Namen verlieh. Der Anblick dieses Hügels im Mond- und Sternenschein und "nicht vor dem blassgelben Himmel einer lichtgefluteten Stadt", so Wuchterl, soll erhalten bleiben.

Freilich sind Sterne und Milchstraße in Österreich auch von einigen Berggipfeln und Hochplateaus aus zu sehen. Die weltweit besten Plätze liegen in der Wüste, wo man bis zu 8000 Sterne am Himmel funkeln sieht. Ein Beispiel ist die Atacamawüste im Norden Chiles. Das Besondere an Großmugl ist, dass man es nicht erst nach einer stundenlangen, mitunter beschwerlichen Wanderung erreicht, sondern dass es ganz nahe einer Großstadt liegt. Mit dem Auto fährt man nur etwa eine dreiviertel Stunde lang von Wien nach Großmugl. In Wien selbst kann man aufgrund der Lichtverschmutzung maximal 50 Sterne erkennen, in St. Pölten sind es rund 200.

Aber ist das Grund genug, dass Großmugls Sternenlicht zum Welterbe erklärt wird? "Im Moment ist es bei der Unesco nicht möglich, die globale Verantwortung für Güter zu übernehmen, die nicht materiell sind und auch keinem Staat und keiner Verantwortung zugeordnet werden können", sagt Gabriele Eschig, Generalsekretärin der österreichischen Unesco-Kommission, auf Nachfrage der "Wiener Zeitung". Seit Verabschiedung der Welterbekonvention 1972 gibt es zehn Kriterien wie etwa "Meisterwerk des schöpferischen Geistes", die festlegen, wann Stätten auf die Welterben-Liste gesetzt werden können. Das Sternenlicht zählt nicht dazu, obwohl die Unesco 2010 bereits intensiv über dessen Aufnahme in die Kriterien diskutiert hat. Das heißt aber nicht, dass Großmugl seine Chance verspielt hat. "Es herrscht zunehmendes Interesse daran, den Blick auf das Sternenlicht zu bewahren", sagt Eschig. Aufgrund der voranschreitenden globalen Lichtverschmutzung sei es "legitim, derartige Interessen zu verfolgen".

Die Idee, Astronomie und Welterbe zu verbinden, beschäftigt die Unesco seit längerem. Vor vier Jahren hat sie in Kooperation mit der Internationalen Astronomischen Union eine Studie gestartet, mit der man herausfinden möchte, inwieweit man die Astronomie bei der Ernennung zum Welterbe miteinbeziehen könnte. Die Studie umfasst drei Arten von Sternenhimmel anhand von 45 Fallbeispielen. Neben den bestehenden Welterben mit astronomischem Bezug (zum Beispiel Stonehenge in England) werden die "Fenster zum Universum" (wie die weiter oben erwähnte Atacamawüste) und die "Oasen des Lichts" näher betrachtet. Zu Letzteren zählen weltweit fünf Fallbeispiele - darunter Großmugl in Österreich.

Auch das Sternlichtgebiet Ostalpen ist eine in Österreich gelegene Stätte, weiters sind Lake de Capo in Neuseeland und Observatorien mit Hightech-Teleskopen auf den Kanarischen Inseln und in Südamerika "Oasen des Lichts".

"Nun geht es darum, anhand der Studie Überzeugungsarbeit zu leisten, dass diese Stätten schützenswert sind", so Wuchterl. Ein erster Schritt wäre, dass Großmugl in die vorläufige Liste der Nominierungen für das Unesco-Welterbe aufgenommen wird. Die Entscheidung liegt beim Bund und bei den Ländern, die dann auch für den Erhalt verantwortlich sind. Über Großmugl werden bereits Gespräche geführt. "Es ist eine interessante Idee, die man auf ein machbares Niveau bringen könnte", heißt es von den Zuständigen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Für 2015 ist aber erst einmal die Münzstadt Hall in Tirol mit einer der ersten historisch belegten Industrien eingereicht. Der Unesco zufolge wird die Bewerbung bis zum April des kommenden Jahres evaluiert und geprüft, ehe im Juli 2015 die Entscheidung fallen soll.

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Dokument erstellt am 2014-07-01 15:41:05



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