• vom 14.04.2015, 18:00 Uhr

Chronik


Causa Aliyev

Geld, Macht und der kasachische Geheimdienst




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Von Petra Tempfer

  • Der Aliyev-Prozess um die Ermordung zweier kasachischer Banker in Wien ist gestartet. Staatsanwaltschaft und Verteidigung setzten das Geflecht aus einem machthungrigen Präsidialsystem, Bankgeschäften und Erpressung theatralisch in Szene.

Hohes Sicherheitsaufkommen herrschte am Dienstag beim Auftakt des Prozesses am Straflandesgericht Wien gegen die Angeklagten Vadim Koshlyak (l.) und Alnur Mussayev, ehemaliger kasachischer Geheimdienstchef. - © apa/Roland Schlager

Hohes Sicherheitsaufkommen herrschte am Dienstag beim Auftakt des Prozesses am Straflandesgericht Wien gegen die Angeklagten Vadim Koshlyak (l.) und Alnur Mussayev, ehemaliger kasachischer Geheimdienstchef. © apa/Roland Schlager

Wien. Die Mienen versteinert, den Blick ins Leere gerichtet. Keiner weiß, was in den Köpfen der Angeklagten Vadim Koshlyak und Alnur Mussayev vorgeht, als sie am Dienstag zum Prozessauftakt um die Entführung und Ermordung zweier kasachischer Banker in Handschellen auf die Anklagebank am Straflandesgericht Wien geführt werden. Nur sie beide wissen, ob sie etwas mit den Morden an Zholdas Timraliyev und Aybar Khasenov zu tun haben.

Der eigentliche Hauptangeklagte fehlt: Der kasachische Ex-Botschafter Rakhat Aliyev wurde am 24. Februar dieses Jahres mit Mullbinden erhängt in seiner Zelle in der Justizanstalt Josefstadt gefunden, die zwei Mitangeklagten waren enge Vertraute. Koshlyak war dessen Leibwächter, Mussayev Ex-Chef des kasachischen Geheimdienstes KNB. Beim Prozessauftakt antworten sie nur kurz auf die Fragen zu ihrer Person, die ihnen von einer Dolmetscherin ins Russische übersetzt werden. Koshlyak hat demnach einen Asylantrag gestellt.


"Eine konstruierte Tat"
Aliyevs Suizid macht den Prozess noch brisanter. Denn die Umstände sind nicht restlos geklärt. Hinter den Morden an den Bankern in Kasachstan vermutet die Verteidigung eine "konstruierte Tat" des KNB - dem Aliyev und Mussayev einst angehörten -, die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten indes vor, eiskalt und aus Geldgier gehandelt zu haben. Beide, Staatsanwaltschaft und Verteidigung, setzen dieses Geflecht aus einem machthungrigen Präsidialsystem, dunklen Geschäften und Erpressung am Dienstag theatralisch in Szene. Mit Powerpoint-Präsentationen, die den Tathergang veranschaulichen sollten, richten sie sich an die Geschworenen. Am 19. Juni sollen diese ein Urteil fällen.

Die Vorgeschichte ist mehr als komplex. Der gelernte Mediziner Aliyev war von 1983 bis 2007 mit Dariga Nasarbajew verheiratet, der Tochter des Staatschefs Kasachstans, Nursultan Nasarbajew. 1999 war er Leiter der Finanzpolizei, von 1999 bis 2001 stellvertretender Leiter des KNB. Von 2002 bis 2005 war er kasachischer Botschafter in Österreich, dann Vize-Außenminister in Kasachstan und 2007 erneut Botschafter. Zudem war er Mehrheitseigentümer der Nurbank. Koshlyak arbeitete von 1995 bis 2002 beim KNB und war ein enger Mitarbeiter Aliyevs. Er ging beide Male mit nach Österreich. Mussayev war viele Jahre beim KNB, zuletzt dessen Chef. Seit 2002 ist er eigenen Angaben zufolge unternehmerisch tätig. Staatsanwältin Bettina Wallner bezeichnet ihn als "Freund und Mentor" Aliyevs.

Das entscheidende Jahr war 2007: Damals wurden zwei Mitarbeiter der Nurbank entführt (deren Leichen fand man erst 2011), Aliyev ging erneut nach Österreich und seine Ehe wurde geschieden. Aliyev und die zwei Angeklagten waren in Wien, als das Bezirksgericht Almaty in Kasachstan Aliyev wegen der Entführung der zwei Banker zu 20 Jahren Haft, Koshlyak zu 18 und Mussayev zu 15 Jahren Haft verurteilte. Ein geheimes Militärgericht verurteilte Aliyev später zu weiteren 20 und Koshlyak zu noch einmal drei Jahren Haft. Österreich lehnte Auslieferungsanträge Kasachstans ab, weil man ein unfaires Verfahren befürchtete. Allerdings musste Österreich ein Inlandsverfahren durchführen, woraufhin über Aliyev, Koshlyak und Mussayev im Juni 2014 die U-Haft verhängt wurde. Im Dezember wurde Anklage erhoben.

Diese höre sich "streckenweise wie ein Hollywood-Film an", sagt Wallner am Dienstag. "Ich muss Ihnen aber leider sagen, dass diese Dinge passiert sind." Die Hintergründe der Morde: Timraliyev, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Nurbank, und Khasenov, Leiter der Verwaltungs- und Wirtschaftsabteilung, sollen hinter Aliyevs Rücken Kredite vergeben und Provisionen erhalten haben. Auch der Nurbank-Vorstandsvorsitzende Abilmazhen Gilimov sei involviert gewesen. "Aliyev fühlte sich betrogen", so Wallner. Aliyev, Koshlyak und Mussayev sollen Timraliyev und Khasenov am 9. Februar 2007 ein Beruhigungsmittel verabreicht, sie erdrosselt und in Fässern auf einer Mülldeponie entsorgt haben. Als Wallner das schildert und mit Fotos untermalt, verziehen Koshlyak und Mussayev keine Miene.

Martin Mahrer, Mussayevs Verteidiger, und Walter Engler, Koshlyaks Rechtsbeistand, bezeichnen die Vorwürfe als "Lügengeschichte". Die Banker seien vom KNB getötet worden, Nasarbajew habe es "in die Wege geleitet", so Mahrer. Und zwar deshalb, weil sich Aliyev 2007 zur Wahl aufstellen lassen wollte, "Oppositionelle aber getötet werden". Kasachstan sei ein autokratisches System mit einem Diktator auf Lebenszeit. Das Ermittlungsverfahren sei ein Racheakt.

Heute, Mittwoch, wird es mit den Einvernahmen der Angeklagten fortgesetzt. Sollten Mussayev und Koshlyak im Sinn der Anklage schuldig gesprochen werden, droht ihnen bis zu lebenslange Haft.




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Dokument erstellt am 2015-04-14 18:05:06



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