• vom 05.06.2015, 18:37 Uhr

Chronik

Update: 08.06.2015, 10:38 Uhr

Niko Alm

Kirche sammelt Schäfchen wieder ein




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Von Jan Michael Marchart

  • Erzdiözese Wien kauft dem Atheisten Niko Alm seine Internetseite für Kirchenaustritte ab.

WZ-Montage: apa/Georg Hochmuth; corbis/Steven Raniszewski

WZ-Montage: apa/Georg Hochmuth; corbis/Steven Raniszewski WZ-Montage: apa/Georg Hochmuth; corbis/Steven Raniszewski

Wien. Es ist schon amüsant. Die Erzdiözese Wien steht vor einer Kooperation mit dem Neos-Mandatar und Mit-Initiatior der Initiative gegen Kirchenprivilegien, Nikolaus Alm. Konkret hat die Erzdiözese Interesse an seiner Webseite "kirchenaustritt.at" bekundet, die, wie der Name verspricht, allerlei Fragen beantwortet, wie Bürger ganz leicht aus der Kirche austreten können und was es dabei zu beachten gilt.

Sei es, ob es sein kann, dass die Behörde Gebühren für den Austritt verlangt, welche Unterlagen für einen Austritt aus der Kirche benötigt werden oder welche Rechte und Möglichkeiten man als Bürger bei einem Austritt verliert. Die Antworten sind auf der Seite fein säuberlich aufgelistet. Außerdem bietet sie eine bundesweite Übersicht über die anzusteuernden Behörden und fertige Austrittsformulare. Alm selbst erlangte als Kirchenkritiker Bekanntheit, etwa als er 2009 in Wien auf Bussen "Es gibt keinen Gott" affichieren lassen wollte. Seither ist er für viele Katholiken ein rotes Tuch.

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Alm war auch einer der Initiatoren eines gescheiterten Anti-Kirchenvolksbegehrens und setzte sich 2011 ein Nudelsieb als Zeichen der Satire-Religion der "Pastafaris" auf den Kopf, ließ sich fotografieren und das Bild auf seinen Führerschein drucken. Mit diesen Aktionen wollte er auf den Umstand aufmerksam machen, dass religiöse Kopfbedeckungen auf Führerscheinfotos erlaubt seien. Im EU-Wahlkampf 2014 wurde er auch zum Zielobjekt der ÖVP.

Deren Parteizentrale nützte Alms Eintreten für die "Pastafaris", die als religiöse Bekenntnisgemeinschaft stets abgewiesen wurden, damals dazu, den Neos vorzuwerfen, Religion lächerlich zu machen. Neos-Parteichef Matthias Strolz ersetzte ihn damals als Religionssprecher. Der Unternehmer Alm bewegt jetzt auf politischer Ebene eher in der Start-up-Szenerie und referiert etwa über Crowdfunding. Nun möchte aber die Kirche ausgerechnet mit dem pinken Pastafari kooperieren und eine Seite kaufen, die den Kirchenaustritt erleichtert.

10.000 Euro Spende
für Krebshilfe

Die Verhandlungen mit Michael Prüller, dem Sprecher der Erzdiözese Wien, laufen. Die Erzdiözese hat sich mit dem pinken Mandatar Alm auf eine Spende von 10.000 Euro für die Krebshilfe geeinigt, um die Adresse zu erstehen. Alm bestätigt das auf Nachfrage. "Wir wollen auf der Seite stärker auf Kontaktmöglichkeiten hinweisen", sagt Prüller. "Damit die Menschen direkt mit uns über Folgen, Rechte oder sonstige Anliegen sprechen können." Laut Alm ist das "ihr gutes Recht, Menschen, die austreten wollen, damit zu konfrontieren, sofern sie das von sich aus wollen".

Die Menschen wenden sich nämlich zunehmend von der Kirche ab. 54.939 Österreicher traten allein im Jahr 2014 aus der römisch-katholischen Kirche aus, geht aus der amtlichen Kirchenstatistik hervor. Nur 4860 wurden 2014 neu aufgenommen. Das sind achtmal weniger.

2010 erreichte die Kirche mit 85.960 Austritten einen Höchststand, was damals zu einem Gutteil auf das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen im kirchlichen Bereich zurückzuführen war. Mit persönlichem Kontakt möchte die Kirche nun zu einem Umdenken bewegen.

"Der Effekt wird sich in Grenzen halten. Es geht mehr um Verletzungen und Enttäuschungen mit der Kirche, weniger um Zahlen", sagt Prüller. Alm war in den Verhandlungen wichtig, dass die Erzdiözese "neutrale Information" zur Verfügung stellt. "Es werden keine neuen Hürden aufgebaut", versichert Prüller. Die Seite soll nur grafisch überarbeitet werden.

Probleme gab es für den bekennenden Atheisten Alm während der Verhandlungen keine. "Auch wenn wir ein anderes Verhältnis zu Staat und Religion haben, können wir uns auf einen Tisch zusammensetzen." Alm gibt die Seite auf, "weil mir die Zeit fehlt".

Interessant ist, dass beim ersten Besuch der Seite neben dem äußerst spartanischen 90er-Look des Internetauftritts auffällt, dass nicht Niko Alm, sondern ein gewisser Max Schrems als Kontakt ausgewiesen wird. Jener Max Schrems, der 2014 gegen Facebook eine Sammelklage eingebracht hatte. Er war davor Inhaber und hat die Seite gebaut. Angemeldet ist die Domain auf Alm. Bald aber auf die Erzdiözese.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-06-05 18:41:05
Letzte nderung am 2015-06-08 10:38:05



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