• vom 29.01.2016, 15:04 Uhr

Chronik

Update: 29.01.2016, 15:32 Uhr

Handwerk

Der Kupfer-Surfer




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Tempfer

  • Thomas Schmidt ist der letzte Kupferstecher für Banknoten in Österreich. Indem er dieses Handwerk bewahrt, setzt der Künstler einen Kontrapunkt zur wachsenden Hektik der Zeit.

Jeder Strich, den Thomas Schmidt zieht, muss passen. Denn beim Handstich gibt es keine Korrektur. - © privat

Jeder Strich, den Thomas Schmidt zieht, muss passen. Denn beim Handstich gibt es keine Korrektur. © privat

Wien. Wenn Thomas Schmidt ansetzt, um eine Linie zu ziehen, hält er die Luft an. Die sanft aufgebaute Spannung entlädt sich in seinem Stichel, den er in das Kupfer drückt. Jeder Strich muss passen. Denn beim Handstich gibt es keine Korrektur. "Du musst reinfallen, dich in eine andere Welt begeben", sagt Schmidt. "In die des Stiches."

Ein bisschen fühle es sich an wie Surfen auf dem Metall. Denn unter der Lupe wirke das Kupfer so weich wie Butter. Am Ende eines Tages werden es nur wenige Quadratmillimeter feinster Linien sein, die einmal in ihrer Summe ein spiegelverkehrtes Motiv ergeben sollen. Erst dann, wenn sich die Linien mit Farbe füllen und durch das Tiefdruckverfahren mit dem Papier verschmelzen, formen sie sich zu dem Bild, für das sie bestimmt waren. Dazwischen liegen rund 1000 Stunden Arbeit.


Mehrere Schillingnoten sind auf diese Weise entstanden. Schmidt selbst hat auch die Hauptmotive der 20-, 50- und 100-Euroscheine entworfen. Der 55-jährige Oberösterreicher, der heute mit seiner Familie in Nonndorf bei Gars am Kamp in Niederösterreich wohnt und ein Malatelier führt, ist der letzte Kupferstecher für Banknoten in Österreich - und einer der letzten weltweit. Insgesamt seien es nur noch rund 30, sagt er. "Ich kenne die meisten persönlich."

Sie alle eint ein gravierendes Problem. Die seit dem 15. Jahrhundert kaum veränderte Kupferstichtechnik droht zu verschwinden, weil nicht mehr alle dafür notwendigen Werkzeuge hergestellt werden. Stattdessen ist ein anderes, alles vereinendes Werkzeug an deren Stelle getreten: der Computer. Auch Schmidt, der 1984 als gelernter Graveur in die Oesterreichische Nationalbank geholt wurde, um seine Ausbildung zum Kupferstecher zu absolvieren, arbeitet hier heute am Computer. "Ich zeichne das Motiv mit dem Stift auf das Tablet, und ein Laser dampft dann aus der Platte die Linien heraus."

Bis daraus ein Geldschein wird, sind aber weitere Schritte notwendig. Es ist eine Kombination aus Flach-, Hoch-, Sieb- und Tiefdruck sowie einer Folienapplikation, die dem Euro seinen Charakter verleiht. Für Schmidt wird er übrigens erst in der Geldbörse zu Geld. Vorher sei er nur "ein Stück Papier".

Die Zeiten, als man Linien nicht mehr korrigieren konnte, sind somit vorbei. Und auch jene, als ein Kupferstecher noch spiegelverkehrt denken musste. "Ich drehe mir das Motiv aber trotzdem immer wieder hin und her, weil du dann die Fehler besser siehst", sagt Schmidt. Damit die Banknoten so fälschungssicher wie bisher bleiben und der Stich sein typisches Aussehen behält, sei auch Schmidts Expertise als gelernter Kupferstecher noch immer gefragt.

Mit dem Computer sei es ein bisschen wie mit dem Fortschritt in der Mobilität, sagt er. "Heute fährt ja auch keiner mehr mit der Kutsche. Aber manchmal kommt mir vor, ich lebe in einer anderen Zeit, indem ich diesen Beruf ausübe. Es ist so, als würde ich von Gars nach Wien zu Fuß gehen, während andere mit dem Zug fahren. Die Zeit läuft anders ab."

Das Kupferstechen sei für Schmidt "wie eine Krankheit". Alles, was er betrachte, zerfalle für ihn in Striche. In Außenlinien, Schatten und Licht. "Es ist, als ob ich es modelliere." Mit dieser Abstraktion des Ganzen, der Verinnerlichung der Form, wachse die Demut. "Weil ich weiß, dass beim Stechen nichts schiefgehen darf. Und es dennoch nie perfekt wird."

In seinem Atelier im Waldviertel sticht Schmidt noch mit 10er-Lupe, Stichel und Kupferplatte und malt auch. Wobei er so male, wie er steche, wie er sagt. Auch Weinetiketten, Exlibris und Briefmarken hat Schmidt bereits gestochen, darunter eine der Sonderedition "Falco -Rock me Amadeus". Aufgrund ihrer Kleinheit werden Marken aber in Stahl gestochen, weil Kupfer zu weich dafür ist.

Schmidts Arbeitstag beginnt fast immer um 4 Uhr Früh. Dann seien die Augen ausgeruht und die Hände ruhig, sagt er. Kaffee zum Munterwerden ist allerdings tabu. "Ich brauche die Ruhe in mir", sagt er. Das Hautfett, das durch das Koffein vermehrt produziert wird, greife zudem die Kupferplatte an. Dennoch gebe es unterschiedliche Tage. Die guten Tage, das seien die, an denen er sich an die komplizierte Topographie der Augen und Ohren mache. An jene Linien, von denen jede einzelne Akzente setzt und sich in die feinen Nuancen eines Charakters ritzt. An den anderen Tagen modelliere er Teile, die leichter von der Hand gehen.

Nach zwei Stunden Arbeit seien die Augen müde. "Dann wollen sie wieder in die Ferne schauen." In eine Welt, in der ein Millimeter der Kupferplatte Kilometern entspricht. Kilometer, die man in einem Bruchteil der Zeit hinter sich bringt.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-29 15:08:04
Letzte nderung am 2016-01-29 15:32:43



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Rollentausch
  2. Explosion im Gaswerk Baumgarten
  3. Ist jedes Kind gleich viel wert?
  4. Knalleffekt zu Prozess-Beginn
  5. Zeugnisse des Hasses
Meistkommentiert
  1. Beschäftigungsbonus vor dem Aus?
  2. Strafende Bildungs(un)gerechtigkeit
  3. 12-Stunden-Tag wird kommen
  4. "Spender haben Ziel erreicht"
  5. Regierungspakt zu Weihnachten

Werbung




Werbung


Werbung